Er liess Buddha in die Röhre gucken
Nam June Paik: Der «Vater der Videokunst» starb im Alter von 73 Jahren. Der in Korea geborene Künstler schockierte, indem er Instrumente zerstörte, bis er sein Leitmedium fand: den Fernseher.Eine seiner berühmtesten Arbeiten wurde aus der Not geboren: Als Nam June Paik 1974 in der New Yorker Galerie Bonino ausstellte, stand kurz vor der Eröffnung noch eine Wand leer. Kurzerhand setzte der im koreanischen Seoul geborene Allroundkünstler eine Buddha-Statue vor einen Fernseher, montierte daneben eine Videokamera, so dass sich die antike Gottesfigur selbst in der Mattscheibe betrachtete. Ein ironisches Spiel von Vergangenheit und Gegenwart. Die meditative Ruhe des Fernen Ostens trifft auf das westliche Medium der Hektik. Ein geschlossener Zirkel aus Sender und Empfänger, der innigen Beziehung von Couch Potatoe und Flimmerkiste nicht unähnlich. Früh, lange vor der Rundumbebilderung der Welt mit Dutzenden von TV-Kanälen, hat Nam June Paik die Reizüberflutung der Medien vorhergesehen und in spektakulären Installationen thematisiert. Mit Arbeiten wie «The more the better» (1988) - ein Turm aus 1003 Monitoren, errichtet anlässlich der Olympischen Spiele in Seoul - hat er positive und negative Aspekte des Mediums ausgelotet. Am Sonntag abend ist der «Vater der Videokunst» im Alter von 73 Jahren in seiner Wohnung in Miami im US-Staat Florida gestorben. Paik werde in New York beigesetzt, berichtet die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhab unter Berufung auf seine Familie. «Er ist immer Kind geblieben», erzählt Thomas Wegner. Der «Schaulandt»-Gründer sammelt in seinem «Weissen Haus» in der Hamburger Heilwigstrasse nicht nur Objekte Paiks, sondern besuchte den Visionär 1998 auch in seinem New Yorker Atelier. «Ich sollte Paik den Auftrag erteilen, ein Bild zu malen. Im Gespräch einigten wir uns auf das Motiv des Bundesadlers», erinnert sich Wegner. «Jon, malst du mir mal einen Adler?», habe Paik seinem Assistenten zugerufen. «Er hat nicht alles selbst gemacht», weiss Wegner. «Er war lieb, bescheiden, hat nicht geraucht, nicht getrunken», charakterisiert er den Menschen Paik. «Er hätte 100 Jahre alt werden sollen.» Doch nach einem Schlaganfall 1996 war der Künstler an den Rollstuhl gefesselt. Seitdem «stehe ich ein bisschen jenseits der Welt, ich denke übers Jenseits nach. Now I want to make erhabene Kunst», bilanzierte Paik 2000 im Gespräch mit dem Abendblatt. «Ich habe keine Zeit mehr zu provozieren, ich muss meine Dinge schnell erledigen.» Provokation, das war Paiks Markenzeichen. Das fünfte Kind eines Textil- und Stahlfabrikanten floh 1950 vor dem Koreakrieg mit seiner Familie über Hongkong nach Tokio, wo er von 1952 bis '56 Musik- und Kunstgeschichte und Philosophie studierte. Im Alter von 24 Jahren ging Paik, damals ein schmächtiger Mann, der meist Anzug trug, nach Deutschland, um in München und Freiburg sein Wissen über Komposition zu vertiefen. 1958 lernte er in Köln Karlheinz Stockhausen, in Darmstadt den US-Komponisten John Cage kennen. Schlüsselerlebnisse, die ihn zur Aktionsmusik inspirierten - Arrangements zufälliger Töne, die im Zerschmettern von Instrumenten gipfelten. Ein Schock fürs Publikum. Parallel zur Fluxus-Bewegung, bei deren Happenings er auch mit Joseph Beuys agierte, startete Paik Experimente mit verzerrten TV-Programmen - gezeigt auf der ersten Einzelausstellung in der Wuppertaler Galerie Parnass 1963. Einen Skandal löste er 1967 mit der «Opéra Sextronique» aus, die seine Muse, die Cellistin Charlotte Moormann, aufführte, während sie sich entblösste. 1964 zog Paik in die USA, deren Staatsbürger er 1976 wurde. Von New York aus reiste er als Kulturnomade durch die Welt, übernahm 1979 eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie, lehrte später auch an Hamburgs Hochschule für bildende Künste. Manfred Eichel, ehemaliger Chef der NDR-Sendung «Kultur aktuell», hatte '88 Paiks internationales Videoprojekt «Wrap around the World» für Hamburg koordiniert. «Ich habe selten einen so gebildeten Menschen wie Paik kennengelernt. Er wusste über deutsche Literatur und Philosophie mehr als die meisten Deutschen. Und er war sehr verschmitzt», erinnert er sich. «Paik ist die Diva auf dem westöstlichen Diwan im Zeitalter der Massenkommunikation», sagt der neue Kunsthallenchef Hubertus Gassner über den Stellenwert des Künstlers. Die Bildröhre wurde Paik zur Leinwand, die Videokamera zum Pinsel, die Monitore zu Bausteinen seiner flimmernden, verstörenden Skulpturen - wie bei der Schildkröte, die 2000 noch im Hamburger Kunstverein zu sehen war. Ein Symbol der Unsterblichkeit. Paiks Werke werden für uns noch lange auf Sendung sein. www.abendblatt.de Birgit Reuther 31.01.2006Biographie Nam June Paik
Jahr des Hundes in China begrüsst - Grösstes Feuerwerk aller Zeiten
29. Januar 2006 Mit dem grössten Feuerwerk in der Geschichte der chinesischen Hauptstadt ist in der Nacht zum Sonntag nach dem Mondkalender das Jahr des Hundes begrüsst worden.Der Himmel über Peking war von Raketen hell erleuchtet. Der schon Stunden vorher grollende Donner der Böller schien nicht enden zu wollen. Rauch von Schwarzpulver hing in den Strassen. Nachdem das zwölf Jahre alte Verbot von Krachern und Raketen in der 15 Millionen Einwohner zählenden Metropole aufgehoben worden war, war drei Mal so viel Feuerwerk herangeschafft worden als 1993, als das letzte Mal geknallt werden durfte. Etwa zwei Milliarden ReisenMehr als 200 chinesische Städte hatten das Verbot erstmals wieder aufgehoben. Nach Schätzungen in den amtlichen Medien geben die Chinesen dieses Jahr rund eine Milliarde Yuan (102 Millionen Euro) für Feuerwerk aus, um über die zwei Neujahrswochen zu feiern. Zum wichtigsten Familienfest sind mehr als hundert Millionen Menschen in ihre Heimat gereist. Rund zwei Milliarden Reisen soll es nach amtlichen Schätzungen in der 40tägigen Reisezeit bis Ende Februar geben. Sonderzüge, Hunderte Busse und zusätzliche Flüge wurden organisiert. 81 Prozent der Pekinger begrüssten in einer Umfrage die Wiederzulassung des Feuerwerks, wie die Staatsagentur Xinhua berichtete. 73 Prozent wollten erstmals wieder Böller kaufen. In Peking war das Verbot 1994 wegen vieler Brände, teils schwerer Verletzungen bei Unfällen sowie wegen der Luftverschmutzung und der Lärmbelästigung erlassen worden. Traditionell soll das Feuerwerk die bösen Geister vertreiben und die guten herbeirufen. Je Kunde höchstens 30 Kilogramm BöllerAllein in Peking waren diesmal für 100 Millionen Yuan (zehn Millionen Euro) Kracher und Raketen in mehr als 2.100 eigens dafür lizenzierten Läden der Stadt gebracht worden. Jeder Kunde durfte aber nicht mehr als 30 Kilogramm abtransportieren. «Ohne Feuerwerk ist es für mich kein Neujahrsfest», wurden Bürger in den Zeitungen zitiert. «Das Knallen des Feuerwerks schafft erst die richtige Atmosphäre.» Das «Jahr des Hahnes» brachte wenig GlückMit gewisser Erleichterung verabschiedeten die Chinesen das eher glücklose Jahr des Hahnes, das die Vogelgrippe über weite Teile Chinas und bis nach Europa gebracht hatte. Es galt diesmal auch als «Witwenjahr», da es nach dem Frühlingsbeginn begonnen hatte - kein gutes Vorzeichen für eine Heirat. Hochzeitstudios haben im neuen Jahr Hochkonjunktur. Das «Hundejahr» steht diesmal unter dem Element des Feuers, das Wärme, Licht und Offenheit symbolisiert. Das letzte Mal hat es 1946 ein solches Feuerhund-Jahr gegeben. Es war das erste Friedensjahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vereinten Nationen tagten damals das erste Mal. Nach den politischen Wirren 2005 wird für das neue Jahr mehr Frieden und Harmonie vorhergesagt. Clinton und Adenauer sind «Hunde»Der Volksmund sagt dem Feuerhund einen starken Gerechtigkeitssinn nach. Er gilt als treu und aufrichtig, wachsam und unerschrocken. Die Eigenschaften sollen auf jene abfärben, die in ihm geboren sind (1934, 1946, 1958, 1970, 1982, 1994). Sie gelten als ehrlich, humorvoll, loyal, verlässlich, aktiv, ehrgeizig und intelligent. Aus ihnen sollen gute Geschäftsleute und charismatische Führer werden. Berühmte «Hunde» sind Bill Clinton, Konrad Adenauer, Cher, Claudia Schiffer, Bertold Brecht, Albert Einstein, Elvis Presley, Michael Jackson, Jennifer Lopez, Andre Agassi und Ernest Hemingway. www.faz.net 30.01.2006
Die Hamas ist nicht nur radikal
Nur wenige Islamisten befürworten die Anwendung von Gewalt. Der Umgang mit der gewaltbereiten Hamas wird die Zukunft der Islamisten prägen. Islamisten sind Leute, die einen islamischen Staat anstreben. Sie verstehen diesen als einen Staat, der unter dem islamischen Gottesgesetz, der Scharia, regiert werden soll. Die grosse Mehrheit der Islamisten hofft, dieses Ziel durch friedliche Überzeugungsarbeit unter den Muslimen zu erreichen. Es gibt aber kleinere Minderheiten unter den Islamisten, die glauben, wenn es nicht anders gehe, müsse der islamische Staat durch Gewaltakte erkämpft werden. Ein kleiner Teil der Muslime sind Islamisten, ein noch kleinerer Teil der Islamisten setzt auf Gewalt. Wenn die Hamas bisher auf Gewaltanwendung beharrte, ging dies nicht so sehr auf die islamistische Lehre der Bewegung zurück als auf die Lage der Palästinenser. Die Gewalt sollte dazu dienen, das Land Palästina von der israelischen Herrschaft zu befreien. Die Bewegung hoffte, dieses Ziel zu erreichen, indem sie das islamische Gottesgesetz genau befolgte; dies, so ihr Credo, würde auch zu einem Erfolg im Befreiungskampf gegen Israel führen. Die Hamas ist nicht nur eine islamistische Bewegung, sondern eine islamistische Befreiungsbewegung. Als solche kann sie zwei Ziele verfolgen: die Scharia in dem Teil Palästinas einführen, in dem sie nun zur gewählten Mehrheitspartei wurde, oder zum Befreiungskampf gegen Israel aufrufen. Natürlich kann sie auch versuchen, beide Ziele gleichzeitig anzustreben. Welchen dieser Wege sie wählt, dürfte wesentlich vom Grad der Ablehnung oder Kooperationsbereitschaft abhängen, mit dem ihre Gegner, die Israeli und deren politische Freunde, allen voran die Amerikaner, den Wahlsieg der Hamas aufnehmen. Das erste Land, in dem Islamisten an die Macht kamen, war Iran. Später siegten sie dann noch in Afghanistan und in der Türkei. In Iran übernahmen sie die Macht übrigens nach weitgehend friedlichen Demonstrationen. Aber sie haben dort seit ihrer Machtergreifung 1979 an Popularität verloren. Grosse Teile der jungen Bevölkerung möchten heute freier leben, mit mehr Verbindung zur Aussenwelt und mit besseren Chancen, lohnende Arbeit zu finden. Viele Iraner finden heute, die islamistische Führung habe ihre Verheissungen nicht eingehalten. Das Gleiche droht auch den Islamisten der Hamas, wenn sie nun Verantwortung für das Geschehen in den besetzten Gebieten übernehmen. Sie verheissen die «Befreiung» der besetzten Gebiete oder gar ganz «Palästinas». Ihre heute errungene Führungsposition können sie nur so lange aufrechterhalten, als sie eines dieser Ziele glaubwürdig verfolgen. Der Umstand, dass sie sich überhaupt zu den Wahlen in den besetzten Gebieten stellten, erhellt, dass es einflussreiche Kreise innerhalb der islamistischen Bewegung gibt, die darauf setzen, zunächst einmal die Geschicke des Gazastreifens und des Westjordanlandes in die Hand zu nehmen. Wenn die anderen Mächte im Spiel, vor allem Israel und die Vereinigten Staaten, ein ganz klein wenig auch Europa, sich kooperationswillig zeigen, werden sie jene Kräfte in der Hamas stärken, die zunächst auf die friedliche islamistische Durchdringung ihrer neuen Herrschaftsgebiete aus sind. Die würden versuchen, eine Gesellschaft und einen Staat nach den Regeln der Scharia einzurichten. Dies dürfte keine leichte Aufgabe sein und ihre vollen Kräfte in Anspruch nehmen. Sie könnten dabei aber nur Fortschritte machen, wenn «der Krieg» gegen Israel zunächst einmal eingestellt würde. Wenn dieses Verfahren auch nur teilweise erfolgreich wäre, würde eine Fortsetzung des «Krieges» schwierig, weil dieser alles Erreichte unvermeidlich in Frage stellen würde. Sollten die Israeli und die Amerikaner auf einer Ablehnung der Hamas bestehen, würden sie damit bewirken, dass die Bewegung gar nicht anders kann, als in die Rolle einer gewalttätigen Befreiungsbewegung zurückzufallen und ihren «Krieg» gegen Israel mit spärlichen und «terroristischen» Mitteln weiterzuführen. Der Autor war 30 Jahre lang Arabien-Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». NZZ am Sonntag Arnold Hottinger 29.01.2006
100 Jahre Postauto Schweiz - «Mythos Alpenpost lebt noch»
Das Unternehmen startete in Bern seinen Erfolgskurs durch die Schweiz und ins AuslandSie heissen Berna, Martini, Saurer, FBW, die Schweizer Automobilhersteller, welche die ersten Postauto-Omnibusse bauten. Die ersten fahrplanmässigen Postautos verkehrten ab Juni 1906 zwischen Bern und Detligen. Die drei Urfahrzeuge boten Platz für je 14 Passagiere, hatten 4-Zylinder-Benzinmotoren mit etwa 30 PS und erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde. Der Benzinverbrauch betrug über 40 Liter pro 100 Kilometer. Die Wirtschaftlichkeit war schlecht, die Pannenhäufigkeit gross. Die Automobiltechnik steckte damals in den Kinderschuhen und war dem regelmässigen Linienverkehr kaum gewachsen. Die Linie zwischen Bern und Papiermühle, ebenfalls 1906 eröffnet, musste nach drei Jahren wieder auf Pferdebetrieb umgestellt werden. Im Museum für Kommunikation in Bern informierten die Verantwortlichen gestern vor den Medien über die Anfänge des öffentlichen Verkehrsmittels Postauto und über die diversen Anlässe zum 100-Jahre-Jubiläum. Das Museum widmet der Entwicklung von der motorisierten Postkutsche zum modernen Transportmittel eine Sonderausstellung (siehe Kasten). Der UrbanisierungsprozessMuseumsdirektor Jakob Messerli zeichnet die damalige Verkehrslandschaft Schweiz: Die Pferdepost stiess an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Eisenbahn und Tram existierten bereits, das Reisen wurde billiger, der Tourismus boomte. «Der Urbanisierungsprozess hatte zur Bildung von Agglomerationen geführt», so Messerli, immer mehr Menschen legten immer längere Wege zurück. Mit dem Krieg kam der automobiltechnische Durchbruch: Die Postverwaltung mit Sitz in Bern liess nach Ende des Ersten Weltkriegs hundert leistungsfähige und kriegserprobte Armeelastwagen zu Postautos umbauen. Die anschliessende Entwicklung verlief rasant: 1919 eroberte das erste Postauto den Alpenraum – den Simplonpass. Es folgten der San Bernardino (1920), Julier und Grimsel (1921), Furka, Oberalp, Col des Mosses (1922). Schnell und unspektakulär verbreitete sich das Postautomobil im Mittelland; das Pferd geriet ins Hintertreffen. 1930 gab es noch hundert Nebenlinien mit Pferdepost. Das letzte Zugpferd stampfte fahrplanmässig zwischen Cresta und Juf im bündnerischen Avers und wurde 1961 in Pension geschickt. Bedeutende Schritte der technischen Innovation waren die Umstellung von Vollgummi- auf Pneubereifung (1920), die Einführung des Dieselmotors (1930), die Ablösung des Schnauzenpostautos durch Unterflurmotoren (1950). Auf stark frequentierten Strecken wurden zunächst Anhänger, dann Gelenkbusse eingesetzt. Bis 1970 standen fast ausnahmslos Postautomodelle schweizerischer Hersteller im Einsatz. Nebst seiner Funktion als öffentliches Verkehrsmittel für Beruf und Freizeit brachte das Postauto auch den Tourismus in Schwung: «Der Mythos Alpenpost lebt immer noch», sagt Jakob Messerli. «Das Postauto steht als schweizerisches Markenzeichen gleichberechtigt neben Matterhorn, Uhren, Käse und Schokolade.» Es erfüllte in Berggebieten auch Spezialaufgaben wie Vieh- und Milchtransporte. Inzwischen ist Postauto Schweiz eine Aktiengesellschaft und mit Abstand das grösste Busunternehmen des Landes, nach eigenen Angaben ein «leistungsorientiertes Unternehmen mit Durchsetzungskraft». Es betreibt eine Flotte von 2000 Fahrzeugen und beschäftigt 2500 Mitarbeitende, mit eingerechnet die Chauffeure und Chauffeurinnen privater Regiebetriebe. Das Streckennetz ist dreimal grösser als jenes der SBB. Das Unternehmen legt jährlich 90 Millionen Wagenkilometer zurück: «Das reicht aus, um sechsmal pro Tag die Erde zu umfahren», erklärt Daniel Landolf, Leiter Postauto Schweiz. Zwar liege ein «Schleier der Nostalgie» über der Firma und Postauto wolle «ein Stück Heimat» bleiben, so Landolf, gleichzeitig stehe das Unternehmen in einem schwierigen Wettbewerb. Dies bekommt zunehmend auch das Fahrpersonal zu spüren, von dem mehr Flexibilität erwartet wird. Die Expansion ins AuslandDer Pioniergeist der Gründer zeigt sich im Erfolg des Unternehmens: Es steigerte seinen Umsatz in den letzten Jahren im Schnitt um fünf Prozent und schreibt seit einigen Jahren schwarze Zahlen. Es gewann zwei Drittel aller Ausschreibungen von Linien und erweiterte seinen Betrieb über die Grenzen hinaus; seine Busse sind in Dole im französischen Jura und in Obernai im Elsass unterwegs. Allein 42 Millionen Franken Umsatz will Postauto Schweiz in den nächsten sechs Jahren mit dem Betrieb des Stadtnetzes von Bourg en Bresse (Rhône-Alpes) erzielen, einer Agglomeration mit 75'000 Einwohner. Hinzu kommt demnächst der Stadtbusbetrieb von Haguenau bei Strassburg. Landolf rühmte den Schub von Bahn 2000 und die «bahnbrechenden Neuerungen im Fernverkehr». Viele Destinationen auf der Schweizer Landkarte seien enger zusammengerückt. Doch nicht alle könnten davon profitieren: Während leistungsfähige pulsierende Verkehrsadern entstanden seien, werde an den feinen Verästelungen in den Regionen gespart. Die Folge davon bekomme Postauto zu spüren: «An der Peripherie verlieren wir Fahrgäste.» Die Teststrecke Bern–DetligenDoch weshalb eigentlich kam ausgerechnet das Dorf Detligen in der Gemeinde Radelfingen in den Genuss der ersten Postautoverbindung der Schweiz? Die Begründung ist aus heutiger Sicht eher spekulativ: Die Strecke mit der moderaten Steigung habe sich als Teststrecke besonders gut geeignet, meint Postauto-Chef Landolf. Auch laut Messerli haben wohl technische Gründe den Ausschlag für die Linienführung gegeben. Boll und Utzigen beispielsweise seien zu dieser Zeit mit dem Postauto nicht zu erreichen gewesen. «Die Steigung war zu gross.» Der Gemeindepräsident von Radelfingen, Daniel Mauerhofer (svp), hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt: Detligen war zu dieser Zeit auch ein Badekurort. In der Gemeindechronik ist dazu Folgendes vermerkt: In der Zeit von 1830 bis 1909 gab es in Detligen zwei Badhäuser mit Taverne und Hotel. Die Holzgebäude wurden 1909 ein Raub der Flammen. Das an Bittersalzen reiche Mineralwasser habe erfolgreiche Kuren gegen Haut- und Gliederkrankheiten garantiert. Somit erfüllte das erste Postauto der Schweiz nicht nur eine verkehrstechnische, sondern auch eine heilsame Funktion. Der Bund, Daniel Vonlanthen 27.01.06
Das WEF kehrt zu seinen Wurzeln zurück
Mehr Spitzenmanager aus der Wirtschaft und weniger Politiker als in den letzten Jahren treffen sich ab Mittwoch in Davos.Zuoberst auf der Agenda des hochkarätigen, fünftägigen Treffens stehen die aufstrebenden Märkte China und Indien sowie die technologische Entwicklung. Mehr als 2300 Prominente – zum ersten Mal auch aus der Welt des Sports – erwarten die Organisatoren in den Bündner Alpen. Nachdem die Globalisierungskritik leiser geworden ist, dürften sie - ganz im Sinne des WEF - wieder mehr unter sich sein. Das diesjährige World Economic Forum (WEF) gibt sich weniger politisch als auch schon. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer kommen aus der Wirtschaft, das sind so viele wie noch nie. Von den 1000 führenden Konzernen dieser Welt versammeln sich 735 Vertreter der obersten Chefetagen in Davos. Auch Top-Manager von 60 Schweizer Konzernen reisen ans WEF, darunter Novartis-Chef Daniel Vasella, Nestlé-Chef Peter Brabeck oder der UBS-Banker Marcel Ospel. Die Suche nach KreativitätIm Fokus der Diskussionen stehen die aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien. «In der Weltwirtschaft verschieben sich die Gewichte von West nach Ost», sagte WEF-Gründer Klaus Schwab im Vorfeld des Jahrestreffens. 2340 Teilnehmende aus 89 Ländern werden erwartet. In 244 Sitzungen diskutieren sie unter dem Motto «Kreativer Imperativ», denn nur mit kreativen Lösungsansätzen könnten die heutigen globalen Herausforderungen gemeistert werden. Eine davon ist der Streit um das iranische Atomprogramm, das sicher auch am WEF zu reden geben wird. So sind alle Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats genauso anwesend wie Mohammed el Baradei, Chef der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) und UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Merkel zur EröffnungDeutlich weniger prominent als in den vorhergehenden Jahren ist dieses Mal die US-Regierung vertreten, und auch Vertreter der Palästinenser und der Israeli fehlen. Insgesamt werden 15 Staats- und Regierungschefs sowie 60 Minister am WEF erwartet. Unter den illustren Gästen befinden sich etwa der afghanische Präsident Hamid Karsai, Iraks Premierminister Ibrahim Dschafari und der pakistanische Präsident Pervez Musharraf. Eröffnet wird das Treffen am Mittwochabend von Bundespräsident Moritz Leuenberger. Mit Spannung erwartet wird auch die Eröffnungsrede der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Jolie zu MenschenrechtenZum ersten Mal überhaupt hat das WEF auch Kaderleute aus der Welt des Sports eingeladen. Und auch ein Hauch von Glamour wird nicht fehlen: Neben Rocksänger Bono, Musiker Peter Gabriel und Autor Paulo Coelho wird wohl vor allem Angelina Jolie für mediale Aufmerksamkeit sorgen. Die US-Schauspielerin und Botschafterin des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR wird an der dem WEF nahe stehenden Parallelveranstaltung Open Forum teilnehmen. Dort diskutiert sie mit dem Chef von Human Rights Watch, Kenneth Roth, und der US-Direktorin der Weltbank, Katherine Marshall, über Menschenrechte. Keine Grossdemo in DavosDas Open Forum unter dem Motto «Grenzen respektieren - überschreiten - verschieben» versteht sich als Diskussions-Plattform zwischen WEF-Teilnehmern und der Öffentlichkeit. Eine konzentrierte Demonstration gegen das WEF findet dieses Jahr nicht mehr statt. Obwohl die globalisierungskritischen Organisationen das Open Forum als «Soziales Feigenblatt des WEF» kritisieren, haben sie sich in diesem Jahr für den «dezentralen Widerstand» entschieden und Aktionstage in verschiedenen Schweizer Städten organisiert. Und in Davos selber beschränkt sich das «Public Eye On Davos» noch auf die Verleihung seines Preises für besonders unverantwortlich handelnde Konzerne. www.swissinfo.org 24. Januar 2006
Google übt Selbstzensur in China
Suchmaschine akzeptiert AuflagenUm seine Geschäfte in China voranzutreiben, hat sich das Internet-Unternehmen Google zur Übernahme von Zensurbestimmungen bereit erklärt. Mit der Selbstzensur des neu gestarteten chinesischen Google-Portals unter www.google.cn folgt das kalifornische Unternehmen seinen Wettbewerbern Yahoo und Microsoft mit MSN Search, die ihre Inhalte in China bereits seit längerem selbst zensieren. Bislang war die Google-Seite in chinesischer Sprache nur über eine von den USA aus operierte Website abrufbar. Deren Nutzung wurde in China unter anderem durch übermässig lange Antwortzeiten eingeschränkt. Zudem blockierten die Behörden, so weit es ihnen möglich war, den Zugang zu als politisch heikel eingestuften Seiten, die mit Google gefunden wurden. Um die Genehmigung für eine chinesische Website zu erhalten, verpflichtete sich Google dazu, für seinen chinesischen Dienst Adressen aus seiner Datenbank zu entfernen, die von der Regierung als anstössig betrachtet werden. Zu solchen verbotenen Themen gehören etwa Diskussionen über eine Unabhängigkeit von Taiwan, die gewaltsame Niederwerfung der Pekinger Demokratiebewegung von 1989 oder Tibet. Innovation vs. «Du sollst nicht böse sein»? Bei Google werden die Zensur-Zugeständnisse an China als schwierige Entscheidung eingestuft - auch mit Blick auf die eigene Firmenethik «Don't be evil» (Du sollst nicht böse sein). Google sei aber überzeugt, dass es «mit seiner Kultur der Innovation auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung in China leisten könne», sagte Google-Manager Andrew McLaughlin. Google ist bereits mit 2,6 Prozent an der chinesischen Suchmaschine Baidu beteiligt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen sprach von einem «schwarzen Tag für die Meinungsfreiheit in China». Der Internet-Experte der Organisation, Julien Pain, kritisierte das Verhalten Googles: «Wenn eine Suchmaschine in dieser Weise mit der Regierung zusammenarbeitet, wird es für die chinesische Regierung viel einfacher, die Inhalte im Internet zu kontrollieren.» www.tagesschau.de 26.01.2006
Die Raumordnung ist zu selten ein Politikum
Die Raumplanung schlägt in letzter Zeit keine grossen Wellen in diesem Land, schon gar keine Grundwellen, welche die schweizerische Gemütslage tiefschürfend aufwühlen könnten. Eigentlich ist das erstaunlich. Die Schweiz ist ein Kleinstaat mit beschränktem Raum, mit einem grossen Anteil «unproduktiver» Flächen und einer hohen Bevölkerungsdichte in jenen Zonen, die für eine Besiedlung überhaupt geeignet sind. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes erleben die Enge des Raumes im Alltag am eigenen Leibe. Dennoch ist - trotz stark ausgebauten direktdemokratischen Instrumenten - kein expliziter politischer Wille auszumachen, der sich auf raumplanerisch relevante Themen bezieht. Bisweilen bestätigen Ausnahmen, wie die demnächst im Kanton Zürich zur Abstimmung gelangende Landschaftsinitiative, die Regel. Deren Begehren, die Ausdehnung des Schutzstatus auf weitere Gebiete des Kantons, betrifft zwar ein altes raumplanerisches Anliegen. Die wichtigsten Fragen zur Raumentwicklung stellen sich heute jedoch landesweit im Verhältnis zwischen bebautem und unbebautem Land, grob gesagt zwischen Landwirtschafts- und Bauzonen. Wenn Probleme in diesem Bereich anstehen, gehen meistens nicht in erster Linie die Politiker ans Werk, sondern die Juristen auf allen Ebenen - bis hin zum Bundesgericht. Der Primat der Rechtsprechung gegenüber der Politik auf der Basis der politisch geschaffenen Rechts ist selten in einem Bereich so augenfällig wie in der Raumplanung. Das ist selbst im Fall der umstrittenen Umzonung von Galmiz sichtbar geworden. Dort hat die Freiburger Regierung letztlich einen klaren wirtschafts- und standortpolitischen Entscheid gefällt, mit dem die Ansiedlung des grossen amerikanischen Biotechnologie-Konzerns Amgen auf 55 Hektaren bisheriger Landwirtschaftsfläche ermöglicht werden kann. Die Schützer der Landschaft haben dies zwar als landesweites Politikum wahrgenommen und gegen die Umzonung eine «nationale» Kundgebung im Gelände organisiert. Doch gefochten haben sie vor allem mit rechtlichen Argumenten. So stellten sie das Gutachten in Frage, auf welches sich das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) und das Departement von Bundesrat Moritz Leuenberger abstützten und das der Freiburger Regierung rechtmässiges Vorgehen attestierte. Dass raumplanerische Fragestellungen nur selten - wie im Fall Galmiz - zum nationalen Politikum werden, liegt zu einem guten Teil daran, dass Raumplanung und Raumordnung grundsätzlich in der Verantwortung der Kantone liegen. Der Bund verfügt lediglich über nennenswerte Kompetenzen zur Rahmengesetzgebung (Raumplanungsgesetz), bei der Genehmigung der kantonalen Richtpläne und zur Erarbeitung sogenannter Sachpläne für besondere und definierte Themenfelder von nationaler Bedeutung (z. B. Infrastruktur Luftfahrt, Übertragungsleitungen usw.). Der Vollzug insbesondere des Raumplanungsgesetzes, d. h. die Konzeption der konkreten Raumordnung, liegt gänzlich bei den Kantonen. Theoretisch sind also 26 kantonale Ordnungen möglich, 26 verschiedene Interpretationen und Umsetzungen des Raumplanungsgesetzes. Auch wenn die Praxis nicht gerade zu diesem äussersten Extrem drängt, so ist die föderalistische Vielfalt des Raumplanungsrechts in zahlreichen Details doch bemerkenswert. Angesichts dieser Verhältnisse haben es Sichtweisen, die sich nicht an die territorialen Grenzen des althergebrachten und geltenden helvetischen Föderalismus halten, immer schwer gehabt. Dies belegten in jüngster Zeit etwa die Reaktionen auf die kürzlich erschienene Studie von Avenir Suisse zur «Baustelle Föderalismus», erschienen im Verlag der Neuen Zürcher Zeitung. Diese Studie schildert eine Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz stattgefunden und faktisch zur Entstehung von sechs grossen Metropolitanregionen geführt hat - eine bemerkenswerte, grossangelegte Analyse, der eine Anzahl eher behutsamer Reformvorschläge beigefügt wurde. Die Arbeit wurde weitherum als utopisch taxiert, als jenseits aller politischen Realitäten abgetan oder als Angriff auf zentrale eidgenössische Solidaritäten (etwa mit dem Berggebiet) angefeindet. Der wenig später vom ARE publizierte Raumentwicklungsbericht 2005 schlägt ein Raumkonzept Schweiz vor, welches der fortschreitenden Metropolisierung des Landes - verbunden mit einer weiteren, fast unkontrollierbaren Zersiedelung - entgegenwirken soll. In diesem Raumkonzept ist auch Platz für kleinere Städte, die entweder in Metropolitangebieten miteinander vernetzt sind oder ausserhalb der Metropolitanräume miteinander kooperieren sollen. Eine spezielle Rolle sollen alpine Tourismuszentren und ländliche Zentren spielen. Das Zauberwort in diesem Konzept heisst «Vernetzung», als Gegenpol zum Zusammenwachsen von Agglomerationen, dem die verbliebenen offenen Landschaftsräume zum Opfer zu fallen drohen. Das Konzept des ARE ist auf einem hohen abstrakten Niveau formuliert. Bricht man es auf eine konkretere Ebene hinunter, in die alltägliche Welt der kommunalen, regionalen und kantonalen Planungen, stösst man rasch wieder auf die wohlbekannten föderalistischen Realitäten. Sowohl Avenir Suisse wie auch das ARE versuchen derzeit mit öffentlichen Diskussionsrunden, die anstehenden Probleme ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Eine neue Hinwendung der öffentlichen Aufmerksamkeit zu Themen der Raumentwicklung werden sie damit kaum auslösen. Dennoch ist es notwendig, dass die anstehenden Fragen in der öffentlichen Debatte bleiben. Ohne politische Willensbildung wenigstens bei jenen Teilen der Bevölkerung, die am demokratischen Entscheidungsprozess teilnehmen, werden raumplanerische Konzepte immer toter Buchstabe bleiben. Da wird es auch wenig helfen, wenn dem Bund weitere Kompetenzen in der Raumplanung zugeschoben werden. Grundsätzlich bleibt fraglich, ob die föderalistische Kompetenzordnung der Schweiz ausgerechnet durch strukturelle Reformen, die ihre Impulse von der Raumplanung erhalten, verändert werden könnte. Neue Anstösse zur Raumentwicklung müssen politisch eher dort ansetzen, wo die planerischen Kompetenzen heute angesiedelt sind: bei den Kantonen, die über ihre Befugnisse nach wie vor eifersüchtig wachen. Dass dies nicht zwingend zur Stagnation führen muss, beweist eine kantonale Initiative als Reaktion auf den raumplanerisch unglücklichen «Fall Galmiz». Die kantonalen Baudirektoren wollen sich darum bemühen, für die Ansiedlung strategisch wichtiger Grossbetriebe an drei bis sechs Standorten geeignete Flächen in der Grösse von 20 bis 50 Hektaren (ungefähr die «Galmiz-Grösse») als - sinnvoll betreuten - Vorrat bereitzustellen. So richtig dieses Vorhaben erscheint, so wenig sollten die Probleme unterschätzt werden, die dafür zu lösen sind: die staatspolitisch richtige Verteilung der geplanten Zonen in den verschiedenen Landesteilen, die Dauer der vorgesehenen Einzonung, das Vorgehen bei kantonsübergreifenden Lösungen, die Entschädigungsfragen bei Enteignungen, die Umweltkriterien, die Verkehrsanbindung, die Behandlung von Altlasten, allfällige Steuervergünstigungen für ein interessiertes Unternehmen, die Kompensationen für Kantone, welche bei der Definition der potenziellen Standorte leer ausgehen. Und schliesslich stellt sich auch die Aufgabe, einmal ausgeschiedene - und entsprechend erschlossene - Gebiete vor den Begehrlichkeiten «kleinerer» Interessenten zu schützen. Am «Fall Galmiz» hat sich ein politischer Wille entzündet, der - sofern man der noch jungen Pflanze Sorge trägt - zur Lösung eines nationalen raumplanerischen Problems beitragen kann. Daraus ist zu lernen, dass kantonale Initiativen in der Raumplanung landesweite Dynamik auslösen können. Diese Erkenntnis könnte auch in andern Fragestellungen wegweisend sein, etwa bei der vielenorts umstrittenen Errichtung von «publikumsintensiven Anlagen», also etwa von Einkaufszentren oder grossen Sport- und Freizeitanlagen. Es würde sich wohl lohnen, wenn im Rahmen einer (geplanten) grösseren Revision des schweizerischen Raumplanungsgesetzes solche Möglichkeiten in Rechnung gestellt würden. www.nzz.ch 24.01.2006 Nkm.
Die reichsten Armen der Welt
Schweiz leistet sich eine Debatte über Armut, die angeblich so grassiert wie noch nie im LandZürich - Von den vielen Alarmzahlen, die produziert werden, um die Öffentlichkeit zu entrüsten und zu lenken, hat in der Schweiz wieder einmal eine den medialen und politischen Durchbruch geschafft. «Eine Million Arme in der Schweiz», «Jeder siebte Schweizer arm», «Immer mehr sind immer ärmer», «Armut als Armutszeugnis» titelten über den Jahreswechsel ohne Ausnahme die helvetischen Zeitungen. Nicht selten trieften die meisten Kommentare vor Betroffenheit, schürten den reflexartig einsetzenden Neid auf die Manager und forderten entschlossenes (staatliches) Handeln. Die politischen Parteien zeigten sich fast durch die Bank weg tief «schockiert». Nur mitzählen und nachrechnen und das Elend genau analysieren wollte niemand. Wer stellt im reichsten Land der Welt, so die jüngste Weltbank-Studie zum Wohlstand der Nationen, das Riesenheer der Notleidenden? Wo und wie lebt dieses Siebtel der Schweizer? Betteln oder stehlen sich diese Menschen am Rande der Gesellschaft durch? Schlafen sie unter Brücken, hungern sie? Und warum werden sie plötzlich zum Thema? Die Antworten auf die Fragen hätten die Gerührten verwirrt. Hergestellt und in einem «Sozialalmanach» verbreitet hat die Zahl das (ehemals) katholische Hilfswerk Caritas. Die Organisation, die gegründet wurde, um die private christliche Nächstenliebe zu bündeln, agiert heute als staatlich mitfinanzierte Frontkämpferin für den Ausbau des Sozialstaates. Die Caritas-Leute haben die Million Armer aus einem Mix von zum Teil nachweislich falschen Basisdaten und Schätzungen sowie mit einer in Fachkreisen hoch umstrittenen Definition von «Armut» fabriziert. Ziel ihrer Übung war es, eine politische Schockzahl zu präsentieren, eine Zahl, wie sie selbst schreiben, die «erstmals die psychologisch wichtige Grenze von einer Million übersteigt». Nun hat sich im sozialen Gefüge der Wohlstandsgesellschaft Schweiz in den letzten Jahren nicht viel verändert - ausser dass es den Menschen im Schnitt stets noch etwas besser geht. Weil die Einkommen der Haushalte kontinuierlich leicht ansteigen, verschieben sich parallel dazu die Bedürfnisse nach oben. So haben die Sozialhelfer des Landes kürzlich die Schwelle der Bedürftigkeit um rund sechs Prozent angehoben. Und weil dieses willkürliche Limit als «Armutsgrenze» gilt, liess dieser Verwaltungsakt die Zahl der statistisch Armen sprunghaft ansteigen. Arm ist und Zuschüsse von den Kommunen erhält in der Schweiz derjenige, der weniger Einkünfte ausweist als der Durchschnitt der 20 Prozent der Haushalte mit den niedrigsten Einkommen. In konkreten Zahlen: Die Armutsgrenze für eine alleinstehende Person verläuft derzeit bei einem monatlichen Gehalt von 2450 Franken (1635 Euro), dies nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben! Arm ist in der Schweiz ein Vier-Personen-Haushalt, der, ebenfalls nach Steuern und Sozialabgaben (!), weniger verdient als 4550 Franken (3035 Euro) - selbst wenn er, wie Erhebungen zeigen, meist über ein Auto, ein Ferienbudget und über die üblichen Elektrogeräte bis zum DVD-Player verfügt. Ein Ökonom hat - ohne viel Echo - vorgerechnet, dass 80 Prozent der «Working poors» gar nicht mehr arm wären, wenn man die Armutsgrenze um nur 200 Franken (133 Euro) absenken würde. Die aufgeregte Armutsdebatte bewegt sich auf hohem Niveau, auf oberster Stufe, wenn man der Analyse der Weltbank folgt. Selbst wenn man die stolzen und gemäss ernst zu nehmenden Gutachtern überhöhten Ansätze als Basis nimmt, lassen sich im Lande real nie und nimmer 1 000 000 «Arme» zählen. Diese «psychologisch wichtige» Marke erreichen die Sozialstatistiker nur mit Tricks: Sie zählen erstens die Höchstwerte zweier privater Schätzungen über die Zahl armer Kinder und armer Alter zusammen und packen zweitens auf dieses Ergebnis noch die amtlich erfassten «Working poors». Um den neuen Millionenwert zu verbreiten, griffen sie auf einen veralteten Höchstwert aus dem Jahr 2003 zurück. Gemäss der aktuellen Statistik liegt der Wert weit darunter. Wozu dieser Aufwand, eine Ziffer zu konstruieren, die nicht stimmt? Hintergrund der Aktion ist der Trend, dass die Fürsorgebudgets der Gemeinden und Städte nachgerade explodieren und dass nicht mehr alle Kommunen bereit sind, sämtliche Antragsteller unbesehen zu unterstützen, selbst wenn sie die Schweizer Armutsnorm erfüllen. Die Debatte bereitet das Terrain vor, die «soziale Existenzsicherung», also die Garantie eines bequemen Einkommens, zu einer neuen nationalen Aufgabe zu machen. Laut Caritas hätte die neue staatliche Gesamtsicherung in einem zweiten Schritt «sämtliche Notlagen» abzudecken, in die Menschen geraten können. Und so nach und nach alle Unterschiede einzuebnen, damit die Schweizer gleicher werden, gleich arm. www.welt.de Urs Engeler 24.01.2006
Fall Osthoff
Politiker fordern rasche Aufklärung im Fall Osthoff Deutsche Ex-Geisel soll bei ihrer Freilassung im Irak Scheine aus dem Lösegeld bei sich gehabt haben - Viele offene FragenBerlin - Politiker von Koalition und Opposition haben entsetzt auf Berichte reagiert, wonach die im Irak entführte deutsche Archäologin Susanne Osthof nach ihrer Freilassung Teile des von der Bundesregierung gezahlten Lösegeldes bei sich gehabt haben soll. «Von Osthoff müssen Antworten auf die offenen Fragen eingefordert werden», sagte der aussenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe, Thomas Silberhorn, der WELT. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins «Focus» fanden Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Bagdad mehrere tausend US-Dollar in den Kleidern der Archäologin. Die mit Gummibändern zu Bündeln zusammengebundenen Scheine seien entdeckt worden, als Osthoff eine Dusche in der Botschaft genommen habe. Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) hätten die Seriennummern auf den Scheinen überprüft und festgestellt, dass sie aus der Lösegeldzahlung stammten. Osthoff war Ende November im Irak entführt und nach gut drei Wochen wieder freigelassen worden. Das Auswärtige Amt lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab. Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) will das Schweigen des Aussenministeriums jedoch nicht hinnehmen. «Diese Geschichte ist voller Ungereimtheiten, die aufgeklärt werden müssen», sagte der CDU-Innenexperte der WELT. Er habe Verständnis dafür, «dass die Regierung zu Fragen des Lösegeldes keinen Kommentar abgibt, und ich würde dies auch nicht verlangen», so Bosbach weiter. Er verlange jedoch Aufklärung darüber, «was man nach der Entdeckung des Geldes veranlasst hat». Bosbach: «Insbesondere interessiert es mich, ob man Osthoff befragt hat und ob sie das Geld behalten durfte.» Eckart von Klaeden, der aussenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, ging sogar noch einen Schritt weiter. «Wenn sich herausstellt, dass Frau Osthoff gar nicht so vermögenslos ist, wie sie behauptet hat, dann ist es selbstverständlich, dass sie dem Konsulargesetz gemäss an den Kosten ihrer Befreiung beteiligt werden muss», sagte von Klaeden der «Bild am Sonntag». Weitere rechtliche Schritte müssten in jedem Fall geprüft werden. Silberhorn sagte, das Verhalten der Frau sei nicht geeignet, die Arbeit der deutschen Behörden bei künftigen Entführungsfällen zu erleichtern. Das sei «sehr unerfreulich». Auch der FDP-Innenexperte Max Stadler sagte: «Der Fall Osthoff wird immer verworrener.» Die Öffentlichkeit erwarte, dass Frau Osthoff dazu Stellung nehme, so Stadler. Osthoff hatte nach ihrer Freilassung aus der Geiselhaft wiederholt für Aufsehen gesorgt. So waren ihre Angaben über die Vorgänge im Irak äusserst diffus und widersprüchlich. Die Archäologin behauptete, dass sie von einer Unterorganisation der al-Qaida im Irak entführt worden sei. Ihr Fahrer sei offenbar gefoltert worden. Gegen diesen ermitteln die irakischen Behörden inzwischen wegen des Verdachts der Beteiligung an der Entführung. www.welt.de JoP/hl 23.01.2006
Der «EuroMillionen»-Pot wächst weiter an
Beim europäischen Lotto-Spiel «EuroMillionen» hat es gestern zum zehnten Mal in Folge keinen Volltreffer gegeben. Dies ist ein neuer Rekord. In der Schweiz gewann ein Lotto-Spieler heute aber 1,114 Millionen Franken.Bei der nächsten Ziehung am 27. Januar lagern bei «EuroMillionen» nun rund 146 Millionen Euro (226,6 Mio. Franken) im Jackpot - so viel wie noch nie. Erwartet werden kommende Woche mehr als 93 Millionen Tipps aus den verschiedenen Teilnehmerländern. EuroMillionen wurde im Februar 2004 in Frankreich, England und Spanien eingeführt. Im Oktober 2004 kamen Österreich, Belgien, Irland, Luxemburg, Portugal und die Schweiz dazu. Der bisher höchste Europot-Gewinn betrug mehr als 115 Millionen Euro und wurde im Juli 2005 von einer irischen Spielteilnehmerin gewonnen. Bei der Ziehung der Schweizer Lotto-Zahlen tippte ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin die sechs Gewinnzahlen und die Zusatzzahl richtig. Das bringt der glücklichen Person 1,114 Millionen Franken ein. www.aargauerzeitung.ch 21.01.2006
Chirac droht «Terror-Staaten» mit Atomwaffen
«Garantie unserer strategischen Versorgung»Der französische Staatschef Jacques Chirac hat «Terror-Staaten» mit Atomwaffen gedroht: Frankreich behalte sich das Recht auf eine Vergeltung in «nicht konventioneller» Weise vor. Eine Vergeltung in «nicht konventioneller» Weise - also mit seinen Atomwaffen - kündigte er gegenüber Anführern von Staaten an, die terroristische Mittel «gegen uns» einsetzen würden, heisst es in einem Bericht von «Spiegel Online». Auch «die Garantie unserer strategischen Versorgung und die Verteidigung verbündeter Staaten» könnten zu den Interessen zählen, die den Einsatz von Kernwaffen rechtfertigen, sagte Chirac laut «Financial Times Deutschland». Anlass war Chiracs Besuch auf dem französischen Atom-U-Boot-Stützpunkt Ile Longue vor der bretonischen Küste. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) reagierten «empört» auf die Äusserungen des französischen Staatspräsidenten. Die IPPNW verweist auf ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichthofes von 1996, wonach die Androhung eines Einsatzes oder der Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich völkerrechtwidrig seien. www.ngo-online.de
Greenpeace entführt einen toten Wal
Spektakuläre Aktion vor der japanischen Botschaft in Berlin - Nun kommt das Tier ins Meeresmuseum
Der Mann im Anzug mit dem Funkgerät in der Hand entpuppt sich als Angestellter der japanischen Botschaft in Berlin. Er schaut auf den rotgefärbten Schneematsch vor dem Botschaftsgelände. «Ich bin überrascht», sagt er, «mehr darf ich nicht sagen.» Bis vor wenigen Minuten hatte an der blutverschmierten Stelle ein Sattelzug gestanden mit einem toten Finnwal, 17 Meter lang und 20 Tonnen schwer, eingepackt in Planen, so dass nur noch die Schwanzflosse sichtbar war.
Umweltaktivisten von Greenpeace hatten den Kadaver nach Berlin und vor die japanische Botschaft transportiert. Mit dem toten Tier protestierten sie gegen den japanischen Walfang. Japan will in dieser Saison 935 Zwergwale töten und zehn Finnwale. Greenpeace fordert, den Walfang vollständig zu verbieten.
Der Protest von Greenpeace, der kaum mehr als zwölf Stunden dauerte, zog die Massen an: Touristen, Familien, Schulklassen und viele Medienleute wollten sich die Attraktion ansehen und blockierten dabei die Tiergartenstrasse. Der Verkehr staute sich, Taxifahrer waren verärgert. Ebenso die Japaner, deren Botschaft - wie nicht anders zu erwarten - die Aktion kritisierte: «Der Walfang zu Forschungszwecken, den Japan durchführt, richtet sich nach den Bestimmungen des internationalen Walfangabkommens», sagte Botschaftssekretär Kazuya Otsuka. Eine Demonstration vor der Botschaft sei eine unangenehme Situation.Nachdem die Polizei die Diplomaten über die bevorstehende Greenpeace-Aktion informiert hatte, habe man versucht, sie zu verhindern. Erfolglos. Die Berliner Polizei erteilte ihre Genehmigung, weil die «Würde der japanischen Botschaft nicht gefährdet sei». Sympathie für die Umweltaktivisten bekundete Berlins Innensenator Erhardt Körting (SPD). «Unsere Aufgabe ist es auch, solche Versammlungen zu ermöglichen.» Ähnlich sah das der Passant Heinz Böhnke, der sich ausdrücklich als «Japan-Freund» bezeichnete: «Die Japaner sind sehr sympathisch, aber der Walfang, das ist ein Schwachpunkt von ihnen.»
Offiziell betreibt Japan den Walfang zu Forschungszwecken. Für Greenpeace ist das jedoch nur ein vorgeschobener Vorwand: «Wenn die Japaner meinen, Wale für die Wissenschaft töten zu müssen, lügen sie und verheimlichen den kommerziellen Hintergrund der Jagd», sagte eine Greenpeace-Aktivistin. Vielmehr würden die Wale noch an Bord zerlegt und für den japanischen Delikatessen-Markt zubereitet, wo ein Kilogramm Walfleisch umgerechnet bis zu 300 Euro koste.
Für ihren Protest haben die Umweltaktivisten keinen Aufwand gescheut und die Gelegenheit genutzt: Der Finnwal stammt aus Warnemünde, wo er einige Tage zuvor tot aufgefunden wurde. Vermutlich hatte sich das Tier auf Nahrungssuche verirrt. Unter dem Vorwand, den Finnwal zur Vermessung zu einer Spezialfirma nach Berlin zu bringen und dann in das Meeresmuseum Stralsund, fischten die Umweltaktivisten den toten Riesen erst mit einem 220-Tonnen-Kran aus dem Wasser, was erst beim zweiten Versuch gelang. Dann wickelten sie das Tier in Planen ein und brachten ihn auf einem Sattelzug nach Berlin. Erst nachdem der aufsehenerregende Protest gestern Mittag zu Ende ging, brachten die Umweltaktivisten den Wal zurück an die Ostsee, damit er in Stralsund seziert wird.
Auch die Bundespolitik meldete sich zu Wort. Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsbundestagsfraktion, Katharina Reiche, betonte, der internationale Walschutz müsse weiter gestärkt werden. «Im Vordergrund steht die Durchsetzung eines konsequenten Walfangverbotes.» Bereits 1982 hatte die Internationale Walfangkommission (IWC) ein unbefristetes Walfangmoratorium beschlossen; seit 1986 ist es in Kraft. Um dieses Fangverbot zu umgehen, sagt die Gesellschaft zum Schutze der Meeressäuger (GSM), haben Island und Japan ihren Walfang als Wissenschaft deklariert. Angeblich töteten Japan, Island und Norwegen seit 1986 mehr als 28'100 Wale.
www.welt.de Jean François Tanda 20.01.2006
500 Jahre Schweizergarde
Bodyguards des Heiligen Vaters
Aus der einstigen Truppe von Landsknechten ist ein modernes, effizientes Sicherheitscorps geworden
Bei den Feierlichkeiten treffen sich aktive und auch viele ehemalige Gardisten. Der Dienst im Vatikan hat sie geprägt – oft ihr Leben lang.
Rund um die Porta Sant’Anna herrscht an diesem Morgen schönstes römisches Chaos. Redend und gestikulierend fahren Angestellte des Vatikans mit ihren Autos und Motorrollern durch den Haupteingang. Priester in Soutanen eilen geschäftig durch Nebeneingänge, während gegenüber der Kaserne diskret vatikanische Diplomaten ihre Limousinen verlassen. Das Treiben hier ist ein Schauspiel. Zu den Feierlichkeiten der 500-Jahr-Feier der päpstlichen Truppe werden in diesen Wochen und Monaten Menschen aus aller Welt anreisen.
Pius Bieri ist seit über einem Jahr bei der berühmtesten «Söldnertruppe» der Welt. Auch er geniesst diese Kulisse stets neu. Nach Dienstschluss kommen neugierige junge Leute zu ihm und wollen wissen: Wie wird man Schweizergardist? In einem Kaffee im Viertel Borgo Pio erfahren sie etwas über seine Vita: Aus katholischem Elternhaus bei Luzern stammt er, und schon sein Bubentraum war es, einmal Schweizergardist zu sein. Nach einer Schnupperwoche entschloss er sich, einzutreten.
Als Pius Bieri seinen Gästen die Besonderheiten des Einzel- und Verbandsexerzierens und den Wachdienst erklärt, erkennen sie: Die Garde mit ihren pittoresken Renaissance-Uniformen ist mehr als eine Touristenattraktion. Sie ist ein Korps mit ernstem Sicherheitsauftrag. Die Terrorwarnungen haben auch hier Spuren hinterlassen. Man schaut genauer hin. Gardist Bieri erzählt von sonderbaren Begebenheiten an der Porta Sant’Anna. etwa wenn sich Leute einmal als «Jesus» oder «Johannes der Täufer» vorstellen oder einfach nur drängeln, das mitgebrachte Weihwasser aus Lourdes selbst dem Papst überreichen zu wollen.
Auch anderentags kommen Besucher ins Gardequartier, darunter angehende Schweizergardisten. Gardekommandant Elmar Theodor Mäder zeigt ihnen die Näherei, in der die Uniformen massgeschneidert werden. Rot-Gelb-Blau, in den Traditionsfarben des Hauses Medici, liegen sie noch in Streifen auf dem Schragen. Der Kommandant lässt sie auch einen Blick in die Waffenkammer werfen, wo silbrigweisse Helme und Galauniformen aus den verschiedenen Epochen ausgelegt sind. Jahrhundertalte Gewehre, Halbharnische und Hellebarden lagern dort in ihren Halterungen.
In der Bibliothek der Garde schräg gegenüber rätseln Männer über italienischen Vokabeln. Die Gardisti sollen sich in Rom auch in der Landessprache ausdrücken können. An einem Brett stehen Informationen über die Freizeitgestaltung: Billard, Musikkorps, Fussballspiel im FC Guardia und Joggen in den vatikanischen Gärten. Unter den Besuchern ist auch Anton Kurmann aus Näfels. Vorsichtig streicht er mit der Hand über den Filz der Uniformen. Auch für ihn gehört die Schweizergarde zum Vatikan wie der Petersdom. Dem 19-Jährigen hat die Truppe früh Eindruck gemacht. Richtig Feuer gefangen hat er während des Papstbesuches in Bern 2004.
Das Terrain der Gardisten: der Päpstliche Palast mit seinen Flügeln, Treppen und Höfen und Fluchtwegen, falls es mal brenzlig werden sollte, der Cortile di San Damaso, wo sonst die Limousinen der königlichen Oberhäupter vorfahren, die Sixtinische Kapelle und die Sala Regia, wo Künstler ihrer Zeit im Dienste ihrer Päpste Unsterbliches geschaffen haben. Es gibt auch weniger angenehme Seiten des Gardistenseins. Manchmal ist es kaum auszuhalten, wenn die Sonne auf den federgeschmückten Blechhelm brennt, dieses Jucken im Rücken, das Kribbeln in der Kniekehle beim Strammstehen.
Doch das sind nicht die Dinge, die so manchem Gardisten den Alltag hier drinnen sauer machen. «Manchmal hat man im Palast fast zu viel Zeit zum Sinnieren. Man kann nicht immer ein Buch lesen oder Italienisch lernen», sagt Gardist Bieri. Gross sei derzeit auch der Druck, all die neuen Gesichter der Kurie auch ohne Ausweis zu kennen. Doch er sagt auch: «Vergessen ist das alles, wenn ich in einsamen Fluren dem Papst begegnen kann oder neben ihm Ehrendienst leisten kann.»
Wie seine Kollegen, so wird auch Pius Bieri von den Besuchern neugierig über seine Erlebnisse rund um das Sterben von Johannes Paul II. befragt, als Rom zur Bühne einzigartiger Ereignisse wurde. Als das Lebenslicht des polnischen Pontifex erlosch, hatte er gerade Dienst. «Im Innern des Palastes hörte man die ganze Nacht über die Leute auf dem Petersplatz singen, beten und klatschten. Das ging durch mich hindurch», erinnert er sich. Als Johannes Paul II. starb, hatte Bieri vor der Papstwohnung Dienst. Er konnte beobachten, wie der Kämmerer seine Arbeit verrichtete. Und Joseph Kardinal Ratzinger kam.
Über seinen neuen Dienstherrn sagt er: «Er ist ein Freund der Garde. Er wohnte ja vorher gleich neben unserem Eingang und hat immer gerne mit uns geredet.» Diese Tage haben die Truppe eng zusammengeschweisst. Überhaupt hat das Interesse an ihr in den letzten Monaten merklich zugenommen. Vom «Papstjahr» 2005 profitierte auch die Schweizergarde. Bei den beiden Rekrutierungsstellen in der Schweiz liegt schon wieder eine stattliche Anzahl von Bewerberbriefen. Das war nicht immer so.
Die rätselhaften Umstände der Ermordung des Gardekommandanten Alois Estermann 1998 beschädigten das Image schwer. Schlagzeilen wie «Wojtylas Chaoten-Truppe» nagten an der Reputation der Garde, die eine Sollstärke von 110 Mann hat. Es gab sogar Jahre, in denen ehemalige Gardisten eingeflogen werden mussten, um die Hundertschaft zu vervollständigen. Das monatelange Mediensperrfeuer hatte aber schliesslich doch weniger negative Auswirkungen auf die Rekrutierung neuer Schweizergardisten als befürchtet, wie Karlheinz Früh von der Informations- und Rekrutierungsstelle Schweiz unterstreicht.
Spricht man Neugardisten auf dieses Thema an, erkennt man, dass die Jungen nach vorne schauen wollen. Lieber diskutieren sie darüber, welches Traditionsgebiet 2006 das grösste Kontingent an Gardisten stellt. Ist es das Wallis, Luzern oder doch St. Gallen? Die da wetteifern, mussten genug tun, um den Anforderungen zu entsprechen. Gut beleumdet mussten sie sein, unverheiratet und katholische Schweizerbürger. Die Rekrutenschule mussten sie absolvieren und mindestens 1,74 Meter gross sein.
Viel mehr interessiert sie auch, dass sie heute in Rom noch ein drittes Dienstjahr anhängen können, um die Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Sicherheitsfachmann abzuschliessen. Das ist neben dem Wunsch, ins Ausland zu gehen und einen prestigeträchtigen Dienst zu versehen, einer der Gründe, weshalb sich junge Männer hier bewerben. Auch die von Beat Bächler geleiteten Schnupperwochen für potenzielle Gardisten stossen auf ein positives Echo. Karlheinz Früh nennt noch einen anderen Grund: «Die Jungen getrauen sich heute wieder mehr als früher, den Glauben zu leben und dies auch zu zeigen.»
Beim Blick in die Zimmer der Gardisten wird es ganz «profan». Sie sind Jungs von heute. Sie haben DVD-Geräte, Scheiben von Robbie Williams und Laptops mit WLan-Anschlüssen. Einige haben stolz das Foto vom Tag ihrer Vereidigung neben das der Freundin ans Brett geheftet. Wie ein riesiger Bettüberwurf hängt die Kantonsfahne in den Zimmern. Die Galauniform hängt sorgfältig aufgebügelt neben den Jeans. Das Hallen der Exerzierschritte und aneinander knallende Billardkugeln – das Gardequartier hat eine eigene Geräuschmixtur und ist eine Welt für sich. Gardisten erzählen aber auch, dass sich in den Zimmern eine Menge Missmut aufstauen kann.
Ex-Gardist Beat Bächler kennt noch jeden Griff, er hat hier von 1970 an zwei Jahre gedient. Der Schweizer staunt über den heutigen Komfort: «Vor 35 Jahren herrschte hier noch die Atmosphäre des Militärdrills. Damals war die Garde mit einem Stand von 35 Leuten am Rande des Niedergangs. Unser täglicher Dienst war viel härter.» Dennoch gibt es für ihn Dinge, die unverändert sind: «Damals wie heute braucht es Mut zu sagen: Ich gehe zur Schweizergarde. Mancher Jugendlicher muss sich erstmals für eine Überzeugung outen, die nicht unbedingt in den Zeitgeist passt. Das formt.»
Das runde Jubiläum der päpstlichen Truppe versetzt das Gardequartier in fiebrige Erregung. Das Musikcorps übt im Instrumentenraum bereits für die Feierlichkeiten. «Es ist eine Gelegenheit, die Bande zwischen der Heimat und der Garde aufs Neue zu festigen», sagt Kommandant Elmar Mäder. In den Räumen tauchen immer wieder altbekannte Gesichter auf. Als die Besuchergruppe in der Gardekantine bei Pasta und Wein sitzt, wird sie von ehemaligen Kameraden bedient. Häufig reisen pensionierte Gardisten aus der Schweiz an, um hier über Wochen freiwillig auszuhelfen. An solchen Punkten zeigt sich: Die Schweizergarde ist eine Welt für sich, sie hat ein eigenes Sozialgefüge. Einige bekunden offenbar Heimweh nach dem Leben in der Garde. Hier begegnen sie den Träumen und Idealen ihrer Jugend, den Bildern der Ewigen Stadt.
Der Dienst für den Papst, die Massen von Pilgern auf Distanz halten, die ihnen täglich den Kirchenstaat einrennen, nur die richtigen Gesichter durchlassen – das hat manchen Jungen geformt. Wer einmal hier stand, möchte den Draht nach Rom behalten. Dafür gibt es in der Schweiz die «Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten», die 1921 in Fribourg gegründet wurde. Von den in der Garde vermittelten Dingen wie Disziplin und Zuverlässigkeit haben die meisten beruflich später profitiert. Einige hier am Tisch sind nach ihrer Gardezeit zur Polizei, zur Grenzwache oder auch zu privaten Sicherheitsdiensten gegangen. Auch in der Wirtschaft konnten Leute durch den Garde-Bonus reüssieren.
Beat Bächler sagt: «Nützt man als junger Mensch die Zeit hier optimal aus, verlebt man hier Jahre, die einem später niemand zahlen kann.» Zu hohen Anlässen und zu Bestattungen ihrer Mitglieder schlüpften Einzelne wieder in das Gardistengewand. Bächler musste bei manchen früheren Gardisten jedoch noch Überzeugungsarbeit leisten, damit die Jubiläumsveranstaltungen nicht bloss als Feier für Ausgemusterte verstanden werden, sondern als ein von ehemaligen Gardisten organisiertes Fest für die derzeitige Garde in Rom.
Spektakulär, wenn auch nicht so strapaziös wie im Winter 1506, ist der Fussmarsch über 723 Kilometer, den eine Gruppe ehemaliger Gardisten im Jubiläumsjahr antreten wird. Start ist am 7. April in Bellinzona im Tessin. Entlang der historischen Via Francigena geht es über Ispra, Mailand, Siena und Viterbo nach Rom. Am Nachmittag des 4.Mai will die Truppe durch die Porta del Popolo zum Petersplatz marschieren. Heute ist Papstaudienz. Gardist Pius Bieri fühlt sich bei seinem Dienst durchaus wohl als allseits beliebtes Fotomotiv. Sein Blick geht zum Säulenring, dann zum Obelisken, schliesslich zu einem Flugzeug mit blinkenden Positionslichtern am römischen Himmel. Von einer der oberen Stufen beobachtet er, wie eine farbenfrohe Pilgerschar den Petersplatz allmählich füllt.
Unten auf dem Platz ist auch Anton Kurmann unterwegs zur Papstaudienz. Er sieht erstmals, wie Gardisten in Zivil mit ernster Miene jeder Regung im Publikum nachgehen, während das Defilee der Honoratioren an Papst Benedikt XVI. vorbeizieht. An diesem Januartag kommt es bei der Papstaudienz zu einem Treffen der Generationen. Aktive Gardisten, ehemalige Gardisten und Sympathisanten der Schweizergarde sind nun auf dem Platz. Es scheint: Wer einmal in der Kaserne gelebt und am Päpstlichen Palast gedient hat, den lässt die Erinnerung daran nicht mehr los.www.merkur.de Vera Rüttimann Rom 19.01.2006Externe Links www.schweizergarde.orgwww.schweizergarde.chwww.500jahreschweizergarde.chwww.gsp06.chwww.pfarrerheller.ch
Die soziale Lage der Studierenden in der Schweiz 2005
Studienfinanzierung: Eltern und Erwerbstätigkeit als wichtigste QuellenDie wichtigste Einkommensquelle der Studierenden ist die Unterstützung durch die Eltern. Neun von zehn Studierenden können darauf zählen. Dies besagt eine neue Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS). Sie hat zudem ergeben, dass 77 Prozent der Studierenden neben ihrem Studium einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Dieser Anteil variiert nur wenig nach Geschlecht, Hochschule oder Fachbereich. Vier von fünf erwerbstätigen Studierenden gehen auch während des Semesters einer beruflichen Tätigkeit nach.Eltern und Erwerbstätigkeit bilden die HauptfinanzierungsquellenDie monatlichen Ausgaben der Studierenden betragen durchschnittlich 1650 Franken, schwanken jedoch stark, je nachdem, ob eine Wohngelegenheit finanziert werden muss oder nicht. So steigt das durchschnittliche monatliche Ausgabenbudget von 1300 Franken für Studierende, die bei ihren Eltern wohnen, auf 1900 Franken für jene, die ausserhalb des Elternhauses leben. Bei der zweitgenannten Gruppe entfällt der grösste Teil der monatlichen Ausgaben auf die Miete. Grosse Ausgabenposten sind auch die Ernährung und die Kleidung sowie die Gesundheit. Auf die studienbezogenen Ausgaben (Verkehr, Studiengebühren usw.) entfallen zwischen 20 und 36 Prozent der Gesamtausgaben. Die wichtigste Einkommensquelle der Studierenden ist die Unterstützung durch die Eltern. Neun von zehn Studierenden können darauf zählen. An zweiter Stelle folgt das Einkommen aus einer Erwerbstätigkeit während des Studiums oder aus Ersparnissen, die aus einer früheren beruflichen Tätigkeit stammen (86% der Studierenden). Alle Studierenden zusammengenommen, macht die elterliche Unterstützung mehr als die Hälfte der finanziellen Mittel der Studierenden aus, während die Einkünfte aus Erwerbstätigkeit mit knapp 40 Prozent zu Buche schlagen. Weit dahinter folgen die Stipendien und Darlehen.Diese beiden Formen von Beihilfen sind jedoch für die 16 Prozent der Studierenden, die davon profitieren, eine wichtige Einkommensquelle. Mit einem Anteil von 41 Prozent am Budgettotal stellen sie sogar die Hauptquelle jener Bezügerinnen und Bezüger dar, die ausserhalb des Elternhauses wohnen.Erwerbsarbeit hat einen grossen Stellenwert im StudentenlebenDie Erwerbsarbeit während des Studiums spielt für den Studienverlauf eine wichtige Rolle. So sind nicht weniger als 77 Prozent der Studierenden in den zwölf Monaten vor der Erhebung parallel zu ihren Studien einer Erwerbstätigkeit nachgegangen. Darunter waren 83 Prozent auch während des Semesters erwerbstätig.Je älter die Studierenden, desto grösser der Anteil jener, die während des Semesters eine Erwerbstätigkeit ausüben; bei den 26-Jährigen und Älteren beläuft er sich auf über 75 Prozent. Die Erwerbstätigkeit der Studierenden an den Fachhochschulen (FH, 19%) steht häufiger im Zusammenhang mit einer vor dem Studium ausgeübten beruflichen Tätigkeit als jene der Studierenden an den universitären Hochschulen (UH, 8%). Dies erklärt sich dadurch, dass erstere oft bereits über einen Berufsabschluss und mehrere Jahre Berufserfahrung verfügen. Mit zunehmendem Alter verstärkt sich auch der fachliche Zusammenhang zwischen der Studienrichtung und der ausgeübten Erwerbstätigkeit.Deutliche Unterschiede bei der sozialen HerkunftÜber ein Drittel (36%) aller Studierenden haben mindestens einen Elternteil mit einem Hochschulabschluss, während 9 Prozent über Eltern ohne nachobligatorischen Abschluss verfügen. Der Anteil der Studierenden mit mindestens einem hochschuldiplomierten Elternteil ist an den UH (42%) deutlich grösser als an den FH (23%) und variiert stark je nach Fachbereich. So übertreffen einzig die Fachbereichsgruppe «Medizin und Pharmazie» (UH) sowie die Fachbereiche «Theater» und «Musik» (FH) die 50-Prozent-Grenze. Die Anteile der übrigen UH-Fachbereichsgruppen bewegen sich in einer kleineren Bandbreite (zwischen 38 und 48 Prozent). Grösser sind die Differenzen bei den FH-Fachbereichsgruppen, deren Anteile von 17 bis 39 Prozent reichen. Bundesamt für Statistik BFS
EURO 2008
EM 2008: Quellensteuer im Land der GeldquellenIn der Schweiz gibt's Streit: Öffentliche Hand soll alle Kosten tragen, dafür sollen Stars «taxfrei» kassieren. Die Finanzierung der Euro 2008 durch die öffentliche Hand hat in der Schweiz eine politische Kontroverse ausgelöst. Die Bundesregierung will die geschätzten Kosten von 120 Millionen Euro zur Hälfte den vier Austragungsstädten und Kantonen übertragen. Die wollen davon aber nichts wissen. Unmut wird auch laut, weil Europas Fussballverband Uefa von Bern eine Steuerbefreiung für die millionenschweren Fussballstars fordert. Schweiz und Österreich wollen über diese Frage verhandeln. Als sich Schweiz und Österreich 2001 gemeinsam als Gastgeber für die Euro 2008 bewarben, schätzten die Eidgenossen die Sicherheitskosten auf 10 Millionen Euro. Davon ist jetzt keine Rede mehr, es wurden dafür gleich 43 Millionen € beantragt. «Die Kosten wurden unterschätzt», räumte Sport- und Verteidigungsminister Samuel Schmid (Schweizer Volkspartei) ein. Insgesamt wird die Euro 2008, die am 7. Juni (Eröffnungsspiel in Basel) bis 29. Juni (Finale in Wien) dauert, die Schweiz 120 Millionen € kosten. Basel, Bern, Genf und Zürich sowie die jeweiligen Kantone müssen nach Entscheid der Bundesregierung 72 Millionen € der Kosten für Sicherheit und Infrastruktur übernehmen. Die vier Städte, die unter Spardruck stehen, winken nun entrüstet ab. Man sei «auf die finanzielle Unterstützung durch Bund und eine namhafte Beteiligung der veranstaltenden Fussballverbände angewiesen», forderten die Stadtväter. Es sei schliesslich unbestritten, dass von der EM «mehrheitlich die Schweiz als Ganzes» profitieren würde. Anderseits müssten Städte «Hauptlasten wie Verkehr, Lärm und Abfall tragen». Die Städte stehen vor einem Dilemma. Kommunal-Gesetze sehen vor, dass Kredite ab 5 bzw. 8 Millionen € dem jeweiligen Stadtparlament und letztlich dem Volk in einem Referendum vorgelegt werden müssen. Es bestehe die Gefahr, dass lokale Parlamente ihre Zustimmung zu den Budgetvorlagen verweigern, was die Durchführung gefährden würde. Vom katastrophalen Imageverlust wollte keiner sprechen. «Solch hohe Kredite wollen und können wir unserer Bevölkerung nicht zumuten», sagte Daniel Rupf, EM-Delegierter in Zürich. Die Forderung der Uefa nach Steuerfreiheit für Fussballstars hat das Feilschen ums liebe Geld noch verschärft. Die Uefa stellte bei der Steuerbehörde den Antrag, für die Zeitdauer der EM allen beteiligten Personen, Verbänden und Gesellschaften, die nicht in der Schweiz ansässig sind, keine Steuern zu erheben. Fachleute schätzen die anfallenden Steuereinnahmen auf fast 30 Millionen €. Die Bundesbehörden geben sich bedeckt. Dennoch machten sie klar, Fussballer seien im Grundsatz für alle Prämien steuerpflichtig, die sie bei EM-Spielen erhielten. «Für eine steuerliche Begünstigung besteht keine gesetzliche Grundlage», steht in einem Bericht der Regierung. Es blieb aber eine Hintertüre offen: Die Steuerbehörde werde die Anfrage «zusammen mit den betroffenen Kantonen und in Absprache mit Österreichs Finanzminister Karl-Heinz Grasser behandeln». Nach geltendem Recht müssen Personen ohne Wohnsitz in der Schweiz für die im Alpenland erwirtschafteten Einkünfte und Honorare die sogenannte Quellensteuer entrichten. Sie kann bis zu einem Drittel des Einkommens betragen. Die Uefa mit Sitz in Nyon am Genfersee ist steuerbefreit. Die Stars der Euro 2004 mussten ihre Prämien übrigens nicht versteuern. Österreich und Schweiz haben in einem Rahmenkonzept alle Sicherheits-Grundsätze verankert: «Dialog, Deeskalation, Durchgreifen». Dieses Prinzip soll bei allen operativen Massnahmen gelten. Zudem einigten sich beide Länder im Bereich der Prävention zu einer einheitlichen Definition bei der Einstufung von Gewalttätern. Eine intensive Zusammenarbeit ist beim Staatsschutz geplant, um die Informationsbeschaffung bei terroristischer und extremistischer Bedrohungen zu garantieren. www.diepresse.com Thomas Gerber 27.12.2005Fussball-Europameisterschaft 2008Bitte schreibe Deine Meinung zu diesem Thema.
Aussterbende Keimzellen der Gesellschaft
Ehe und Familie werden von Religionen geschützt - und verschwinden doch allmählich aus dem BlickfeldBerlin - Dass die Lebensform Familie heute nur noch eine Option unter vielen ist, ist ein relativ neuer Trend. Zu fast allen Zeiten und in fast allen Kulturen gab es kaum eine Alternative, und auch die grossen monotheistischen Religionen stellen Ehe und Familie unter besonderen Schutz. Dies betonten die Vertreter aus Christentum und Islam, die auf einer Veranstaltung der Konrad Adenauer Stiftung in Berlin miteinander über die Herausforderungen sprachen, denen Familien im 21. Jahrhundert begegnen. Wie ein Fels in der Brandung steht die katholische Kirche zur Ehe als lebenslangem Sakrament. «Dabei sollte der eheliche Akt auch offen sein für die Empfängnis von Kindern», sagt Weihbischof Franz Vorrath. Die Eheleute dürfen bei der Familienplanung allenfalls auf die natürliche Empfängnisverhütung zurückgreifen, denn auch heute noch steht die Kirche zu der Verknüpfung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit, die durch die Anti-Baby-Pille weitgehend aus dem Blick geraten ist. «Nur der Orientierte kann auch Orientierung geben», meint Vorrath und ist überzeugt, dass nur die Familie Menschen die Geborgenheit gibt, aus der heraus sie sich entfalten können. Der Islam sieht die Ehe dagegen wesentlich weltlicher, sagt die Anthropologin Ziba Mir-Hosseini, die an den Universitäten von Cambridge und London lehrt. Die Ehe ist im Koran ein geschäftlicher Vertrag zwischen Mann und Frau, die dann wie «Kleider füreinander sein sollen». Empfängnisverhütung in der Ehe ist erlaubt, und auch eine Scheidung ist möglich, wenn in der Praxis auch sehr oft zum Nachteil der Frauen geregelt. Dies musste die Anthropologin erleben, als ihre Ehe im Iran vor über 20 Jahren auseinanderbrach. Als Frau konnte sie die Scheidung nicht ohne Einwilligung ihres damaligen Ehegatten erreichen. Doch mit Argumenten aus dem Koran überzeugte sie den Richter. Und als sie die praktische Rechtsprechung im Iran und in Marokko verglich, machte sie eine überraschende Entdeckung: Im islamistisch regierten Iran hatten die Frauen mehr Rechte als im scheinbar säkularen Marokko. «Wer sagt, dass sich der Schlüssel zum Käfig nicht innerhalb des Käfigs befinden kann», zitiert sie einen Poeten. Erst im vergangenen Jahr wurde in Marokko das Familienrecht modernisiert. Auch in Marokko waren es Argumente aus dem Koran, die die harte Fraktion der Konservativen schliesslich überzeugten. Der Koran selbst betont die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sagt Mir-Hosseini, die für einen moslemisch geprägten Feminismus steht: Von den über 660'000 Versen des Koran könnten nur sechs so interpretiert werden, dass Männer und Frauen nicht gleiche Rechte hätten. Doch Religionen haben in den westlichen Ländern an Bedeutung verloren, Menschen wünschen sich zwar eine Familie, leben diesen Wunsch aber immer seltener. «Die bürgerlichen Familien sind aus den Innenstädten abgewandert», sagt der Soziologe Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität. Und Meinungsmacher propagieren als erfolgreiches Lebensmodell eher die «freiwilligen, zölibatären Gemeinschaften» von Singles, die nur dem Beruf verpflichtet seien. Die «Keimzelle Familie» wird so zum Auslaufmodell erklärt, obwohl auch heute noch 80 Prozent der Kinder in klassischen Familien aufwachsen. www.welt.de Antonia Rötger 10.09.2005
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