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20.11.09

Marc Fitze am Kunstharmonium

Virtuose Psalmenpumpe
Marc Fitze am Kunstharmonium


Der Berner Organist Marc Fitze gehört zu der jungen Generation von Harmoniumspielern. Sein seltenes Kunstharmonium von Victor Mustel, Paris (Baujahr 1870), welches er für Konzerte verwendet, hat er in jahrelanger Forschungsarbeit selbst restauriert und im Februar 2009 in Bern zum ersten Mal einem begeisterten Publikum vorgestellt. «Jede Kunst, die aufhört, aus der eigenen Zeit zu sein, stirbt.» (Le Corbusier). Nebst dem klassischen Kunstharmonium-Repertoire des 19. Jahrhunderts bemüht er sich auch um zeitgenössische Verwendung des Instrumentes und entlockt seinem Harmonium ganz neuartige Klänge zum Beispiel im Duo mit dem Schlagzeuger Titus Bellwald.

Ist das Harmonium eigentlich ein vollwertiges Instrument?

Die Zeit ist längst vorbei, wo reformierte Andachten in jeder noch so kleinen Herrgotts-Kapelle mit jämmerlichen Klängen aus der Heuchlerkommode begleitet wurden. Hängen geblieben sind Spitznamen wie Psalmenpumpe, Choralmühle, Halleluja-Vergaser, Kreissäge des Glaubens und die Erinnerung an eine Religiosität, die definitiv nicht mehr unserem Lebensgefühl entspricht...

Niedergang und Renaissance

Ein vollwertiges Musikinstrument scheint das Harmonium in diesem Zusammenhang nicht zu sein, höchstens ein nostalgisches Möbelstück, - wäre da nicht eine wachsende Anzahl Harmonium-Begeisterter, die über ganz Europa verstreut, sich mit grosser Akribie der Renaissance des in Verruf geratenen Instrumentes widmen. Wohlgemerkt, bei Auktionen, Restaurierungen, Kursen und Konzerten gilt das Interesse weniger der dekadenten Endphase ab ca. 1900, wo Billigharmonien als Orgelersatz in Kirchen und Kappellen Eingang fanden, sondern vielmehr der Glanzzeit des Harmoniums, als es in Salons und Konzertsälen von Virtuosen gespielt wurde und Komponisten wie César Franck, Hector Berlioz, Camille Saint-Saëns und Franz Liszt ein umfangreiches Solorepertoire schufen.

Musik in den Zehenspitzen

Die Erfindung, welche Alexandre Debain 1842 in Paris unter dem Namen Harmonium» patentieren liess und von Victor Mustel 1853 als Kunstharmonium» zur Perfektion geführt wurde, bedeutet in Bau, Klang und Gebrauch ein sehr anderes Instrument als das billige Saugwindharmonium (Psalmenpumpe). Das Druckwind-Harmonium Mustels ist ganz und gar nicht für die Kirche gemacht, sondern äusserst reich und luxuriös gestaltet: Obertonreich im Klang, reich in der Ausstattung des Möbels, reich im Repertoire und teuer im Preis. Es entspricht der romantischen Suche nach einem expressiven Tasteninstrument, welches nicht nur laut und leise wie das Pianoforte spielen kann, sondern mit cantabel fortdauerndem Ton sämtliche Lautstärken und Klangfarbennuancen wie das Orchester stufenlos ineinander vermischen kann. Klangfarben, Intensität und feinste Akzente werden dabei durchgängig durch die Füsse geregelt. Dieses Treten scheint vielleicht eine niedrige oder ungelenke Beschäftigung, aber es ist der Kern des Harmoniumspiels. Die Trettechnik des Druckwindharmoniums, vergleichbar mit der Bogenführung eines Geigers, verlangt enorme Koordination und Feingefühl in den Zehenspitzen, was nicht einfach zu erlernen ist.

In Frankreich, Belgien, England, Deutschland und der Schweiz ist in den letzten Jahren rund um das sogenannte «Kunstharmonium» eine Fangemeinde entstanden. Während Sammler, Restaurateure und Musikologen sich zahlreich engagieren, sind unter den Interpreten bislang nur wenige zu finden, die das Erlernen des Kunstharmoniumspiels erfolgreich auf sich genommen haben. Der Erwerb eines originalen Instrumentes ist Vorbedingung und braucht viel Glück, da die meisten Kunstharmonien sich mittlerweile in Museen und Privatsammlungen befinden.

Nächstes Konzert: EX TEMPORE – BildKlangWort mit Mario Volpe, Kunstmaler, Martina Schwarz, Texte Titus Bellwald, Perkussion und Marc Fitze, Kunstharmonium Mustel
Sonntag, 22. November 2009, 17.00 Uhr, Johanneskirche, Eintritt frei, Kollekte

BildKlangWort: «Ex tempore – Zeit und Ewigkeit»
Ein Trialog mit Bildern von Mario Volpe am 22. November, 17 Uhr in der Johanneskirche

Zum dritten Mal findet in der Johanneskirche «BildKlangWort», ein Wechselspiel zwischen bildender Kunst, Musik und Text statt. Der diesjährige Anlass steht unter dem Motto, «Ex tempore», und meint aus der Zeit heraus» oder «aus dem Moment heraus», «improvisiert»: Die Musiker Titus Bellwald und Marc Fitze treten mit ihren Instrumenten (Schlagzeug und Mustel-Kunstharmonium) in den Dialog mit Gedichten von Martina Schwarz und grossformatigen Arbeiten des Berner Kunstmalers Mario Volpe.

Der Künstler

In seinem Atelier in einem Keller an der Beundenfeldstrasse liegen angefangene Zeichnungen auf dem Arbeitstisch. Etruskische Zeichen aus fernen Zeiten tanzen darauf Ballett.

Mario Volpe arbeitet immer noch mit der Entdeckerfreude eines Forschers. Die Schaffung eines persönlichen, ausschliesslich abstrakten Bildvokabulars lag ihm zeitlebens am Herzen. Der 73-Jährige kann aus dem Vollen schöpfen. Sein Werk umfasst über vierzig Jahre ununterbrochenes Schaffen.

Zu sehen am 22. November grossformatige Arbeiten aus den sechziger Jahren. In diesen abstrakten Kompositionen musizieren strenge Formen mit weichen, fliessenden. Die Farben sind ausdrucksintensiv wie die Reise des Künstlers quer durch ein bewegtes Leben über Kontinente und durch die Zeit.

Der seit 1972 in Bern lebende und arbeitende Mario Volpe ist 1936 in Kolumbien geboren. Er studierte Architektur in den USA und wurde an der Art Students League of New York zum Maler ausgebildet. 1965-1970 unterrichtete er an der Universität Minnesota Kunst. Seit 1972 lebt und arbeitet er in Bern.

Tüfteleien mit Musik und Wort

Zu einem BildKlangWort gehören auch die Musik und die Texte. Auf dem Programm stehen Harmoniumstücke von Sigfrid Karg-Elert, das Stück «Ihre Uhren gehen anders» des Schweizer Komponisten Heinz Marti und Improvisationen zu den Texten und Bildern.

Während der Perkussionist Titus Bellwald mit seinen Klangtüfteleien und Rhythmen die Zeit vielfältig gestaltet und erfahrbar macht, stehen Registernamen wie Voix céleste und harpe éolienne – «Himmelsstimme und Windharfe» für das in himmlischen Sphären angesiedelte Klangideal der feinabgestuften, unbegrenzt modellierbaren Klangfarben des Kunstharmoniums. Aus dem Zusammenklang von Musik, Bild und Wort ergeben sich sphärische Harmonien, pulsierende Rhythmen und assoziative Geräusche. Werden und Vergehen des Klanges am Rande der Stille.

Kunstharmonium? Was ist das?

Heutige Ohren kennen vielleicht noch den Klang des popularisierten Billigharmoniums, auch als «Psalmenpumpe» bekannt, aber was ist ein «Kunstharmonium»? Die 1853 von Victor Mustel in Paris patentierte Erfindung bedeutet ein einzigartiges Tasteninstrument, dessen Ton auch nach dem Anschlag differenziert gestaltet werden kann. Es handelt sich also um ein Instrument feinster Nuancen und Übergänge. Mit Füssen und Knien erzeugt und beeinflusst der Spieler den Windstrom – eine Technik, die viel Übung und Feingespür benötigt. Komponisten wie César Franck, Camille Saint-Saëns und Hector Berlioz haben für dieses expressive Tasteninstrument ein exquisites Repertoire geschrieben. Das seltene Mustel-Kunstharmonium, welches im Konzert erklingen wird, stammt aus dem Jahre 1870, wurde 2007 von Marc Fitze restauriert und im Februar 2009 in der Johanneskirche erstmals einem begeisterten Publikum vorgestellt. Ein Zuhörer meinte enthusiastisch: «Das Instrument, das wie Grossmutters Schmuckkommode aussieht, birgt ja eine ungeahnte Vielfalt von Klangfarben in sich.»

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