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30.8.09

Bademode

Baden und Schwimmen gehörten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Freizeitvergnügen und dienten der körperlichen Ertüchtigung.

In Ländern, die Meeresanschluss hatten, vor allem in Frankreich und England, entstanden schon bald beliebte Ferien- und Badeorte. Und es entwickelte sich in der Neuzeit eine eigenständige Bademode.

In Seebädern wie Trouville in Frankreich und Dover in England traf sich in den Sommermonaten die Haute Volée zum geselligen Beisammensein. Frankreich baute als schnelle Zugverbindung – mit dem europaweit berühmten «train bleu» – die Strecke Paris – Côte d’Azur aus, wo Badegäste aus ganz Europa dem Zug entstiegen. Überall entstanden noble Grandhotels, die die wohlhabenden Gäste verwöhnten. Bei aller Freizügigkeit zogen sich die Damen jedoch eher an als aus, wenn sie den Gang ins Wasser wagten. Es entstand zum ersten Mal eine eigenständige Bademode, die nach den Geboten der Sittlichkeit geschneidert war: Frau trug ein unter den Knien zusammengefasstes, weites Beinkleid aus meist dunkelblau gefärbter Baumwolle, aus Percal oder aus Flanell. Darüber ein dekolletiertes Miederleibchen – auch in Deutschland als «Corset de bain» bezeichnet – zum Teil mit angeschnittenen, kurzen Ärmeln oder kleinen Puffärmeln versehen. Die Farben der Stoffe waren nur bedingt wasser- und sonnenbeständig, zudem waren die Gewebe in nassem Zustand schwer und trockneten sehr langsam. Schwarze Strümpfe, Espadrilles, Badehaube und Badetasche gehörten zu den Accessoires der eleganten Bademode.

Wohlhabende Badegäste mieteten «Badekarren», in denen sich die Damen direkt an den Strand fahren liessen, wo sie aus dem Gefährt, «geziemendermassen bedeckt» und von den übrigen Badegästen unbeobachtet, ins Meer tippeln konnten.

Städte, die an Seen oder Flüssen lagen, errichteten für ihre Bürgerinnen und Bürger Badeanstalten. Es waren dies grosszügige, pavillonartige Badeanlagen in Holzbauweise, die auf eingerammten Pfählen im Wasser oder als Kabinenbauten am Ufer standen. Sie verfügten auch über Sonnenterrassen. Zürich besitzt noch heute zwei solcher Badeanstalten, die im Laufe der Jahrzehnte umgebaut und renoviert wurden: Die Badeanstalt Utoquai und das Flussbad in der Limmat beim Restaurant Bauschänzli. Die alte Tradition wahrend ist die Badeanstalt Utoquai noch immer für Männer und Frauen getrennt zugänglich, das Flussbad in der Limmat ist nur für Frauen geöffnet.

Bademode für Herren und Damen

In den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden in ganz Europa Sportverbände. - 1886 wurde in Berlin der deutsche Schwimmverband gegründet, ungefähr gleichzeitig in Wien der Verband der österreichischen Schwimmverbände. Hauptverband der Schweizer Schwimmer war die «Fédération Suisse de Natation» mit Sitz in Basel. Ihre Mitglieder waren vor allem Männer. Die Badehose des Mannes war im 19. Jahrhundert kein Modethema. Beim Militär gab es «Badeuniformen», ansonsten badete der Mann mit einem Unterbeinkleid und einem Leibchen aus Baumwollstoff.

Schon damals gab es die ersten einteiligen Badeanzüge mit kurzen Beinen, die oft aus gestreiftem Trikot genäht waren.

Die Bademode der Damenwelt hatte sich seit ihrem Aufkommen um 1850 lange nur wenig verändert. Seit den 90er-Jahren wurde das Dekolleté mit Matrosenkragen modern, ähnlich der Kinderkleidung jener Zeit. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wandelte sich die Damenmode in Schnitt und Material deutlich. In den 1920er-Jahren begann sich der Sport zu etablieren.

Männer und Frauen betrieben die verschiedensten körperlichen Ertüchtigungen. Zu Tennis und Radfahren, Reiten, Skilaufen und den ersten leichtathletischen Übungen trugen Männer wie Frauen die zur Sportart passende Körper- und Schuhbekleidung.

Das Schwimmen gehörte zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. 1922 wurde in Zürich das erste Strandbad am Zürichsee (Mythenquai) mit Liegewiese, Sandstrand, Turnplatz und einer riesigen Rutschbahn eröffnet. Es fand schon bald regen Zuspruch.

Die Pariser Modedesigner wandten sich der Sportmode zu. Eine der innovativsten von ihnen, die Französin Coco Chanel, entwarf 1917 – mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der modernen und teilweise arbeitenden Frau – weit schwingende Damenkleider aus Jersey, einem vormals nur für Herrenunterwäsche verarbeiteten fein gestrickten oder gewalkten Trikot-Gewebe aus Wolle oder Wollegemisch. Die Rocklänge war nicht zuletzt wegen der Materialknappheit im Krieg auf Wadenlänge verkürzt worden, sodass die Damenmode erstmals «beinfrei», das heisst Waden und Unterschenkel sichtbar wurden. Chanel entwarf jetzt auch für Frauen figurbetonte Badekleider in gestreiftem Jersey, ärmelfrei oder nur mit ganz kurzen Ärmeln und einem knappen Dekolleté versehen.

Man(n) freute sich natürlich ob der Offenherzigkeit, mit der sich die Damen jetzt auf der Badewiese oder am Strand präsentierten.

Eine wesentliche Neuerung bestimmte bald das Erscheinungsbild der eleganten Schwimmerin: Das Badekleid, nun ein Zweiteiler, bestand aus einer miederartigen Hose, das Oberteil ähnelte einem Büstenhalter. Das gewährleistete bessere Bewegungsfreiheit – die Gewebe waren ja noch aus unelastischem Material. Schmale Gürtel betonten die Taille.

Neu: Fotomodelle für Badkleider

Fotomodelle wurden nun von Agenturen und Fotografen speziell für Bilder von Bademode verpflichtet. Georges Hoyningen- Huene zum Beispiel fotografierte 1928 für die Zeitschrift Vogue Paris Bademode von Elsa Schiaparelli, der in Paris lebenden und arbeitenden Italienerin. Und Vogue präsentierte Herren- und Damen Bademode von Jean Patou mit folgender Bildlegende: «Here is the practical bathing suit in two pieces with burgundy red-suit wool jersey trousers: the sweater top is in white, navy, and burgundy jersey.» In einer Ausgabe von 1929 publizierte Vogue unter dem Titel «Berliner Mode» ein männliches und zwei weibliche Modelle «Auf der Sprungbrücke». Der Fotograf war ebenfalls Georges Hoyningen-Huene. Die Aufnahmen in den Modejournalen waren bis in die Mitte der 30er-Jahre noch Schwarz-Weiss, so dass wir bezüglich der Farbgebung bis dahin auf genaue Textlegenden mit Farbangaben angewiesen sind. Hoyningen-Huene setzt dies geschickt in die Tonwerte um. Im Ausstellungskatalog des Warenhauses Jelmoli wurde 1929 Badekleidung für Männer, Frauen und Kinder im neuen Schnitt der Zeit angepriesen: «Eleganter Badeanzug, reine Wolle für Herren und Damen Gr. 42, 44, 46». Es fällt auf, dass Herrenund Damenbadekleidung unisex angeboten werden. Das teuerste Modell wird für 9,80 Franken in der Konfektion ausgeschrieben.

In diesen Jahren zeichnete sich in der Mode in Europa und in Amerika die Weltwirtschaftskrise ab. Die Bestellungen der grossen Häuser an die Couturiers, namentlich in Paris, gingen drastisch zurück und die Entwerfer begannen einfachere Modelle aus einfacheren Materialien auf den Markt zu bringen.

Neue Materialien, neue Schnitte

Elastische Stoffe, entweder mit Gummi angereichert oder auch schon aus den ersten synthetischen Fasern entwickelt, kamen im Lauf der 40er-Jahre auf den Markt. Diese ursprünglich für den Kriegsdienst (Fallschirme, Fliegerjacken etc.) entwickelten Materialien traten nach dem Krieg ihren Siegeszug bei den zivilen Käuferinnen und Käufern an. Eine revolutionäre Erfindung zum Thema weibliche Bademode kam bald nach Kriegsende aus Amerika: Der Maschinenbauingenieur und spätere Modemacher Louis Réard gilt als Erfinder des Bikini, einer zweiteiligen Badekleidung mit knapp geschnittenem Höschen und einem Oberteil, das wie ein Büstenhalter gearbeitet war. Das Kleidungsstück liess Réard 1946 urheberrechtlich schützen.

Die Bezeichnung «Bikini» leitete er werbewirksam von den gleichnamigen Südseeinseln ab, da ihr Name wegen der darauf stattgefundenen Atomtests durch die internationale Presse ging, als er, fünf Tage später, am 5. Juli 1946, im Pariser Nobelbad «Molitor» die zweiteiligen Badeanzüge vorstellte. Wohl gegen Ende der 40er-Jahre liessen sich Mr. und Mrs.

Ronald Reagan in Palm Springs fotografieren und das Konterfei in der Zeitschrift Vogue erscheinen. Ihre Badekleidung sitzt tadellos, und es ist zu vermuten, dass hier elastisches Material verarbeitet wurde.

Wenn man durch die Modejournale der 50er-Jahre blättert, fällt auf, dass die Modejournalisten und Modedesigner unter dem Kapitel «Bademode» kaum Bikinis vorstellten. Die Artikel und Fotos wandten sich mehr der Badebekleidung für die elegante Frau zu. Meist dominieren schwarze, einteilige und klassisch geschnittene Badkleider.

Oft sind die Mieder wie Abendkleider geschnitten. Die Modelle sind noch immer in Wolltrikot oder nach moderner Machart aus neuartigem synthetischem Stretchstoff gearbeitet. In der Zeitschrift «Sie & Er» erschien schon 1952 folgendes Inserat für Badekleidung: «100% Nylon gestrickt. Sammetweich und federleicht.

Eine ganz neuartige Nylonqualität. Wunderbar, wie sich hier die Vorteile des Nylon mit jenen der Wolle vereinen. Wasser abstossend, daher sofort trocken und hochelastisch, ohne Gummi, Nylon-zäh, doch Wolle-weich anschmiegend. Zum bahnbrechend neuen Material die klassische Passform …». Die Bademode für Männer hatte wenig Abwechslung zu bieten. Sie unterschied sich durch die verschiedenen Farben und Formen, das Material war meistens Wolle-Latex, seit den 50er-Jahren dehnungsbewegliche und faltenfreie reine Kunstfasern wie in der Damenmode. Und: Seit den 40er-Jahren trug der Mann kein Leibchen mehr sondern nur noch einen Badeslip – der muskelgestählte Oberkörper blieb frei.

Oben ohne

Der Designer Rudi Gernreich, ein Amerikaner österreichischer Herkunft, machte 1965 international Furore, als er den einteiligen Badeanzug, den «topless Bikini», oder «Monokini» auf den Markt brachte.

Zugleich revolutionierte Gernreich die Unterwäschemode, indem er mit seiner Oben ohne-Mode und dem «No-Bra Bra» weltweit den Büstenhalter revolutionierte.

Den Hippies der Sechziger Jahre kam diese Modeentwicklung äusserst gelegen. Protestmärsche in verschiedenen europäischen Städten hatten das Thema Frauenemanzipation zum Inhalt, und auch in Zürich wurde an diesen Umzügen eine Büstenhalterverbrennung durchgeführt. Die Oben ohne-Mode setzte sich allerdings in den kommenden Jahren weder in der Alltagsnoch in der Bademode durch. Es grassierte die Story, in den Geschäften rund ums Bundeshaus in Bern seien bald schon die Feldstecher ausverkauft gewesen; der voyeuristische Blick von der Bundeshausterrasse aufs tiefer gelegene Marzilibad war für die im Bundeshaus amtierenden Herren eben verlockend gewesen.

So viel Freizügigkeit lässt den Gestaltern und Modemachern ungeahnte Möglichkeiten auf dem Spielfeld der Bademode.

Warenhäuser, Modehäuser und spezielle Geschäfte für Badebekleidung bieten eine schier unerschöpfliche Auswahl an Farben, Materialien und Schnitten für den Strand, das See- oder Hallenbad.

Schwimmen und Baden ist nach wie vor ein Freizeitvergnügen besonderer Art.

www.nike-kultur.ch Birgit Littmann

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