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22.7.09

Paul Schaffroth

In Bern ist am Samstag Paul Schaffroth, Chefredaktor des «Bund» von 1964 bis 1984, im Alter von 88 Jahren verstorben.

Paul Schaffroth war eine der grossen Figuren in der Zeitungslandschaft. Vor allem aber war er unbestrittene Leitfigur in der Redaktion einer Tageszeitung, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in voller publizistischer und wirtschaftlicher Blüte stand.

Paul Schaffroth wurde 1921 in Niedererlinsbach geboren. Nach Abschluss des Geschichtsstudiums ging er in den Bieler Lokaljournalismus, dann als Stadt- und Gemeinderat in die Politik. Als Mitglied der Freisinnig-Demokratischen Partei wurde er 1961 zum Stadtpräsidenten von Biel und schliesslich in den Grossen Rat gewählt, wo er die FDP-Fraktion präsidierte.

Ungewöhnlich an Paul Schaffroths Laufbahn war, dass er als erfolgreicher Politiker zum Journalismus zurückwechselte: Nach drei Jahren an der Spitze der Bieler Exekutive erreichte ihn die Berufung zum Chefredaktor der damals grössten bernischen Tageszeitung.

Mit dem Antritt des Chefredaktorenpostens legte Schaffroth alle politischen Ämter nieder; später trat er auch aus der FDP aus. Damit stellte er klar, dass ihm die Ungebundenheit des «Bund» ein zentrales Anliegen war: Nicht als Organ der FDP, sondern als unabhängige liberale Stimme sollte sich der «Bund» profilieren.

Im «Bund» stiess Paul Schaffroth auf eine andere starke Persönlichkeit, auf Werner H. Stuber, der seit 1960 als Verleger die Interessen der Besitzerfamilie wahrnahm. Dass es zwischen den beiden robust erscheinenden Persönlichkeiten öfters zu lautstark ausgetragenen Disputen kam, können ältere «Bund»-Redaktoren bezeugen. Einem kleinen Kreise vorbehalten blieb die Geschichte, Paul Schaffroth sei von Werner Stuber mehr als einmal entlassen und am nächsten Morgen wieder eingestellt worden.

Die schonungslose Darstellung des Pro und Kontra fand als journalistisches Prinzip Eingang in den «Bund». Mit der in der Schweizer Presse erstmaligen Einführung der Kolumnen von Gastautoren, die nicht mit redaktionellen Standpunkten übereinstimmen mussten, wurde der «Bund» unter Schaffroths Führung zum Schauplatz eines Wettstreits der Meinungen, um die Leser in die Lage zu versetzen, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Unter Paul Schaffroth wurde hierarchisches Denken in der Redaktion durch eine Diskussionskultur abgelöst. Dennoch akzeptierte man seine Zurechtweisungen bei Fehlleistungen ebenso, wie man seinen breiten Rücken schätzte, wenn die Redaktion unter Druck gesetzt wurde.

Mit Standfestigkeit gegenüber Einmischungsversuchen von Politikern, Inserenten und Interessenvertretern wahrte er den «Bund»-Journalisten den nötigen Freiraum. Er selber schrieb zu Beginn jeden Samstag den Leitartikel auf Seite 1, mit dem er allerdings nicht nur Lorbeeren erntete. Mit der Zeit trat er journalistisch insofern etwas kürzer, als er das Gefäss allen «Bund»-Redaktoren zur Nutzung freigab.

In die Zeit der Chefredaktion von Paul Schaffroth fielen auch manche technischen Neuerungen wie zum Beispiel die – beim «Bund» als europäische Premiere vollzogene – Ablösung des Bleisatzes durch den Fotosatz.

Als Hauptmann der Armee, als Vizepräsident einer schweizerischen KSZE-Delegation, als Zentralpräsident der Neuen Helvetischen Gesellschaft NHG oder als Vorstandsvorsitzender der Tschugger Bethesda-Klinik stellte sich Paul Schaffroth auch ausserhalb der Publizistik und der Politik in den Dienst der Öffentlichkeit. Mit seinem 1991 publizierten Buch «Sturm und Drang» leistete er zudem einen originellen Beitrag zur Darstellung der «Vergangenheit der stadtbernischen Presse».

In den letzten Jahren hat er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und vorwiegend der Lektüre historischer Fachliteratur sowie der Pflege seines Familien- und Freundeskreises gewidmet. Schwach und müde geworden, ist er am Samstag im Beisein seiner Gattin sanft entschlafen.

Konrad Stamm

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