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2.2.09

Lisa Della Casa

Lisa Della Casa feiert heute den 90. Geburtstag.

Sie galt als die «schönste Frau der Opernbühne»: Lisa Della Casa, eine der führenden Mozart- und Strauss-Sängerinnen ihrer Zeit: Die ausserordentliche Karriere der vor 90 Jahren geborenen Sängerin begann in den 1940er Jahren in ihrer schweizerischen Heimat und führte sie schnell an die grössten Opernbühnen der Welt und zu bedeutenden Festivals: An der New Yorker Met wurde sie ebenso gefeiert wie in London, Mailand, Zürich, München, Paris, Chicago, Bayreuth und Salzburg und natürlich an der Wiener Staatsoper, wo sie mehr als 25 Jahre lang regelmässig aufgetreten ist.

Singendes Mannequin

Fotos und Filmdokumente belegen, dass das Wort vom «singenden Mannequin» nicht zu weit hergeholt war: Lisa Della Casa beeindruckte durch die Schönheit ihrer Erscheinung, durch ihre Attitüde und Haltung. Dass gerade diese Eigenschaften ihrer Karriere anfänglich abträglich waren, dass man abwertend bemerkte «an sich müsste sie ja nicht singen», verwundert aus dem Blickwinkel des frühen 21. Jahrhunderts, in dem die optische Komponente zuweilen von grösserer Bedeutung zu sein scheint als die künstlerische Qualität.

Doch Lisa Della Casa verfügte über beides in reichem Mass, über optische Attraktivität und eine aussergewöhnliche Stimme von bemerkenswerter Ebenmässigkeit und Strahlkraft, technischer Souveränität und individueller Klangfarbe: Wenige Töne genügen, um Lisa Della Casas singulären Sopran sofort zu erkennen. Allerdings war sie keine sich ganz in ihren Rollen verausgabende Ausdruckskünstlerin, vielmehr waren ihre Auftritte immer von einem «gewissen Geheimnis» umweht - was einer Partie in besonderem Mass zu Gute kam: der Titelrolle in «Arabella» von Richard Strauss.

Arabellissima

Mehr als zwei Jahrzehnte lang galt die Della Casa als konkurrenzloser Inbegriff dieser «schwierigen» Frauengestalt, als «Arabellissima» - und noch viele Jahre nach ihrem plötzlichen und sehr abrupten Rückzug von der Opernbühne in den frühen 1970er Jahren galt ihre Interpretation der Arabella als Massstab, an dem Rollennachfolgerinnen gemessen wurden.

«Lisa Della Casa ist ein kaum wiederholbarer Glücksfall; eine Sängerin von Gottes Gnaden», hiess es 1952 in der «Neuen Wiener Zeitung» anlässlich der «Arabella»-Neuproduktion im Theater an der Wien, dem Ausweichquartier der kriegszerstörten Staatsoper. «Diese satte, glockenreine Stimme, die, in wundervoll einheitlicher Linie geführt, bis in die höchste Höhe ihren ruhigen Glanz bewahrt, kommt direkt aus dem Herzen oder aus dem Himmel.»

Vier Partien des «Rosenkavalier»

In den Opern von Richard Strauss hat Lisa Della Casa aber nicht nur die Arabella gesungen, Gräfin in «Capriccio», Ariadne auf Naxos, Chrysothemis in «Elektra» und sogar die Salome zählten zu ihrem Repertoire - und die Marschallin im «Rosenkavalier», eine ihrer grossen Erfolgsrollen in Wien, New York und Salzburg (Eröffnungsvorstellung des Grossen Festspielhauses unter Herbert von Karajan!).

Im «Rosenkavalier» war sie zu Beginn ihrer Laufbahn auch die Sophie, eine von ihr heissgeliebte Partie, nach der sie überraschender Weise nicht unmittelbar zur Feldmarschallin gewechselt hat: zuerst hat sie auch noch den Octavian, eigentlich eine Rolle des Mezzofaches, übernommen. Zählt man noch die Partie der Annina hinzu, eine der frühen Rollen der Della Casa an der Züricher Oper, so hat sie gleich vier Partien in diesem Stück gesungen und gespielt!

Führende Mozart-Interpretin

Weltweit wurde Lisa Della Casa in den Opern von Richard Strauss in den 1950er, 60er und frühen 70er Jahren gefeiert, daneben galt sie aber auch als eine der führenden Mozart-Interpretinnen ihrer Zeit: Ihre Studio-Einspielungen der Contessa in «Le nozze di Figaro» (unter Erich Kleiber und Erich Leinsdorf), der Fiordiligi in «Cosi fan tutte» (unter Karl Böhm) und der Donna Elvira in «Don Giovanni» (unter Josef Krips) gelten bis heute als «Klassiker» der Aufnahmegeschichte.

In «Don Giovanni» hat die Della Casa aber nicht nur die Rolle der Elvira gesungen, sondern auch - unter anderem 1955 beim Opernfest zur Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper - die Donna Anna; in der «Zauberflöte» war sie nicht nur Pamina, in ihren frühen Karrierejahren hat sie sich sogar an die extremen Höhenanforderungen der Königin der Nacht gewagt. Und auch dreissig Jahre nach ihrem Debüt und 24 Jahre nach ihrem ersten Auftritt in Wien vermochte die Della Casa mit ihrer letzten neuen Rolle, der Ilia in «Idomeneo», ihrer 26. Partie an der Wiener Staatsoper, noch immer ihre bemerkenswerte Stimmkultur und ihr feinsinniges Ausdrucksvermögen zu demonstrieren.

Italienische Rollen

Neben Mozart und Strauss hat Lisa Della Casa auch italienische Rollen gesungen, ebenso wie Operettenpartien, Barockopern, Werke von Richard Wagner und zu ihrer Zeit zeitgenössische Musik. Auf den Opernbühnen der Welt war sie ein ebenso gern gesehener Gast wie in den Konzertsälen. Doch wer glaubt, Lisa Della Casa habe einzig für ihre Kunst und die Musik gelebt, der irrt: Singen war für sie in allererster Linie Beruf, der von äusserster Disziplin und Konzertration geprägt war - nach absolvierter Arbeit hat sie stets versucht, sich so schnell wie möglich ins Privatleben zurückzuziehen.

Medienvertreter nannten sie «schwierig» oder «arrogant» - und hätten doch so gerne über das Privatleben der «singenden Opernschönheit» und Schlossbesitzerin am Bodensee (Schloss Gottlieben ist ihr Eigentum), natürlich auch über die schwere Erkrankung der Tochter berichtet.

Aus der Öffentlichkeit verschwunden

Lisa Della Casa hat jedoch nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihr das «Drumherum» ihres Berufes zuwider war. Anfang 1974 beendete sie ganz plötzlich ihre Karriere - und verschwand vollständig aus der Öffentlichkeit; jegliche Form von Auftritten und Interviews wurden von ihr abgelehnt.

Umso erstaunlicher, dass sie nach mehr als drei Jahrzehnten doch im vergangenen Jahr bereit war, für ein Filmporträt zu ihrem 90. Geburtstag vor die Kamera zu treten; zu ihrem Sängerberuf äusserst sie sich darin - fast erwartungsgemäss - kritisch.

Staatsopern-Mitschnitte auf CD

Rechtzeitig zum 90. Geburtstag von Lisa Della Casa ist in der Reihe «Wiener Staatsoper Live» bei Orfeo eine Solo-CD der Sängerin mit Mitschnitten aus der Wiener Staatsoper aus den Jahren 1955 bis 1971 erschienen - neben ihrer Donna Anna in «Don Giovanni» und der Gräfin in «Capriccio» ist Lisa Della Casa auf dieser CD in bisher unveröffentlichten Staatsopern-Aufnahmen von Wagners «Meistersingern von Nürnberg», von Einems «Dantons Tod», Mozarts «Idomeneo» und in «Arabella» von Richard Strauss zu hören.

Text: Michael Blees
http://oe1.orf.at

Lisa della Casa (Wikipedia)
Lisa della Casa (HLS)
Zu Gast im Restaurant Della Casa in Bern

2 Kommentare:

Anonymous Anonym said...

DANKE MICHAEL BLEES! Die ORF-Kulturredaktion hat sich ja sonst durch komplette Ignoranz ausgezeichnet (nicht einmal eine Erwähnung im Morgenjournal 8 vor halb 8, wie in früheren Jahren!) Die neue Direktion setzt wohl neue Prioritäten (Hansi Hinterseer, Starmanie usw.) Wie armselig!
Eine Lisa Della Casa im damaligen Musiktheater der großen Dirigenten, Musiker und Regisseure erlebt zu haben, gehört zu jenem Glück, dessen die Menschen von heute nicht mehr teilhaftig werden, es weder begreifen noch erahnen können, weil es (fast) niemanden mehr gibt, der ihnen das vermittelt... wie arm!

F a n t u r Alf Gerd
1030 Wien

4:06 nachm.

 
Anonymous Anonym said...

DANKE MICHAEL BLEES! Die ORF-Kulturredaktion hat sich ja sonst durch komplette Ignoranz ausgezeichnet (nicht einmal eine Erwähnung im Morgenjournal 8 vor halb 8, wie in früheren Jahren!) Die neue Direktion setzt wohl neue Prioritäten (Hansi Hinterseer, Starmanie usw.) Wie armselig!
Eine Lisa Della Casa im damaligen Musiktheater der großen Dirigenten, Musiker und Regisseure erlebt zu haben, gehört zu jenem Glück, dessen die Menschen von heute nicht mehr teilhaftig werden, es weder begreifen noch erahnen können, weil es (fast) niemanden mehr gibt, der ihnen das vermittelt... wie arm!

F a n t u r Alf Gerd
1030 Wien

4:06 nachm.

 

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